Kurzüberblick über die Gemeindegeschichte

  • 1907: Beginn der adventistischen Mission in Annaberg
  • 1910: Gründung der Adventgemeinde Annaberg
  • 1916: Gründung der Tochtergemeinden Gelenau und Marienberg
  • 1921: Gründung der Adventjugend Annaberg und der Tochtergemeinde Ehrenfriedersdorf
  • 1924: Gründung der Tochtergemeinde Geyer
  • 1925: Gründung der Tochtergemeinde Neundorf
  • 1928: Gründung der Tochtergemeinde Neudorf
  • 1933: Gründung der Tochtergemeinde Crottendorf
  • 1934: Gründung des Posaunenchores
  • 1981: Kauf des Grundstückes Zick-Zack-Promenade 8
  • 1988: Einweihung des Gemeindezentrums
  • 2003: Umstellung des Gästebetriebes auf Selbstversorger
© Inge & Siegfried Steller
© Inge & Siegfried Steller


Gemeindechronik

© 2019 Adventgemeinde Annaberg | Diese Chronik wurde im Rahmen der Jubiläumsfeier zum 100-jährigen Jubiläum der Adventgemeinde Annaberg am 19. Juni 2010 veröffentlicht und in den Jahren 2017, 2019 geringfügig überarbeitet.

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung


Einhundert Jahre Adventgemeinde in Annaberg prägten bis heute das Leben vieler Menschen. Mehrere Generationen und Staatssysteme sind inzwischen Vergangenheit. Als die ersten Adventisten nach Annaberg kamen, regierte in Deutschland noch ein Kaiser, die Gründerväter unserer weltweiten Kirche lebten zum Teil noch und keiner der damaligen Gemeindeglieder hätte wohl geglaubt, dass es das Jahr 2010 jemals geben würde 1. Es ging auf und ab – sowohl gesellschaftlich als auch innerhalb der Gemeinde. Der Druck von außen war zeitweise groß – das Wachstum und die Begeisterung häufig ebenso. Viele kamen zum Glauben an Jesus, einige gründeten neue Gemeinden, andere belebten die Gemeinde in Annaberg und waren ein Segen für unsere Stadt. Einhundert Jahre Adventgemeinde Annaberg sind auch einhundert Jahre Lebensgeschichte zahlreicher Menschen. Sie trafen sich, teilten ihr Leben miteinander, förderten und ermutigten sich gegenseitig, aber verletzten einander auch. Nicht jeder hat nur gute Erinnerungen an diese Zeit. Wir sind schuldig geworden – gegenüber Brüdern und Schwestern in unserer eigenen Gemeinde, in anderen Kirchen unserer Stadt 2 und auch gegenüber den Menschen, die im Laufe der Jahre zwar uns, aber nicht wirklich unseren Gott kennenlernten. Die vergangenen Kriege, in der die Mehrheit unserer männlichen Gemeindemitglieder als Soldaten dienten, waren eine Schande für die Gemeinde Jesu in unserer Region. Wir haben direkt oder indirekt Anteil an der schrecklichen Schuld vergangener Jahrzehnte. Dies können und wollen wir nicht verleugnen. Wir haben Vergebung nötig und sind für die Gnade Gottes dankbar, welche auch die letzten hundert Jahre umfasst. Seine Güte und Kraft war es, die uns auf dem bisherigen Weg getragen hat. Die Erlebnisse und Geschichten sind zu zahlreich, um sie alle aufzuschreiben. Trotzdem soll dieses Buch ein Versuch sein, wenigstens etwas vom Geschehen der zurückliegenden Jahre festzuhalten.

FUSSNOTEN

1 Ein Kennzeichen der Adventisten war schon immer, dass sie damit rechneten, dass Jesus sehr bald wieder auf die Erde kommen wird, um sein ewiges Reich aufzurichten.

 

2 Christen haben sich von Anfang an wie Geschwister angeredet. Das hängt damit zusammen, dass vor Gott alle Menschen gleich sind und Gott in der Bibel oft mit einem Vater verglichen wird. Daraus resultiert, dass wir Christen seine Kinder und somit untereinander wie Geschwister sind.


2. Die ersten Jahre

Unsere Geschichte begann im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. In Deutschland regierte Kaiser Wilhelm II. An der Spitze der jungen Adventgemeinde in Europa stand damals Ludwig Richard Conradi. Eine Welle der Begeisterung und des Tatendrangs ging durch die ersten Adventgemeinden. In Friedensau begann die Ausbildung von Missionaren3 und viele Adventisten investierten ihr Leben darin, möglichst alle Gebiete Deutschlands mit der Botschaft von der Wiederkunft Jesu zu erreichen. Auch im Erzgebirge entstanden die ersten Gemeinden. Von Chemnitz aus, wo es seit 1899 eine Adventgemeinde gab, wurden neue Gemeinden gegründet. 1905 entstand in Zwönitz eine selbstständige Gemeinde, deren Leitung Johann Tomczak übernahm. Zu dieser Zeit gab es im Oberen Erzgebirge keine Adventgemeinden außer in Zwönitz und Schneeberg. Von dort aus gingen die Gläubigen in andere Orte des Erzgebirges, um Menschen für das Evangelium zu gewinnen. Sie veranstalteten öffentliche Vorträge, machten Besuche, hielten Bibelstunden ab und brachten adventistische Literatur in die Haushalte.

Mission in Annaberg

In der zweiten Hälfte des Jahres 1907 zog der frisch verheiratete Paul Eduard Staubert4 nach Annaberg. Nachdem er mit der Krankenschwester Emma Auguste Wilhelmine Köhler in Chemnitz getraut worden war, zog er in die Untere Badergasse 23 und begann öffentliche Vorträge im Schützenhaus5 zu halten. Unterstützt wurde er dabei von dem Kolporteur6 Adolf Hackenberg. Nach Abschluss der Vortragsreihe bot er Bibelstunden im Haus einer Frau Scharfenberg auf der Unteren Badergasse an. Durch diese Initiative bekehrten sich drei Frauen: die städtische Kindergärtnerin Ottilie Höbler, welche später als „Kindertante“ oder „Höbler-Tante“ in die Gemeindegeschichte einging, Elsa Zahn und Anna Pohle. Darüber hinaus machte Paul Staubert Hausbesuche, um den Annabergern die Botschaft von der Wiederkunft Jesu zu erzählen. Zu diesem Zweck setzte er beispielsweise im November 1907 eine Annonce in die Gemeindezeitschrift „Zions-Wächter“, in der er deutschlandweit darum bat, ihm Adressen von Bekannten und Verwandten aus Annaberg zuzusenden, die er daraufhin besuchen wollte. Da die neue Gruppe in Annaberg offiziell noch keine eigenständige Gemeinde war, wurden die Neubekehrten, welche von Bruder Ott aus Zwickau getauft wurden, zunächst der Gemeinde in Zwönitz angegliedert.

Gemeindegründung

Im Frühjahr 1910 wurde der Prediger Paul Rösel nach Annaberg versetzt. Durch seine evangelistische Tätigkeit wuchs die Gruppe weiter und schritt schließlich Anfang April 1910 zur Gründung einer eigenständigen Gemeinde. Der Raum, in welchem zu dieser Zeit die Gottesdienste gefeiert wurden, befand sich in Paul Siegels Kellergeschoss auf der Kleinrückerswalder Straße. Der erste Mann, der zur neuen Gemeinde hinzukam, war Emil Löser. Dieser wohnte zu dem Zeitpunkt noch in Großrückerswalde und arbeitete in Chemnitz. Dort war er durch ein Ehepaar Beier zum Glauben gekommen. Weil es in seiner Nähe noch keine Adventgemeinde gab, kam er fast jeden Sabbat zweieinhalb Stunden zu Fuß mit Kinderwagen von Großrückerswalde nach Annaberg gelaufen – und der Rückweg war nicht kürzer. Er schrieb dazu später: „Es waren immer Freudenfeste, wenn die Geschwister zusammen kamen, um sich im neu gefundenen Glauben zu stärken.“ 7 Nach Emil Lösers Bekehrung veranstaltete der Prediger Paul Rösel auch in Großrückerswalde Bibelstunden. Infolgedessen wurden Emil Lösers Frau und seine Schwester Frieda Köhler gläubig. Als kurz danach noch die Geschwister Helene und Olga Müller aus Annaberg den Glauben annahmen, kam es am 27. Januar 1911 zu einer Taufe, in der die vier Frauen offiziell in die Gemeinde aufgenommen wurden. Emil Löser erinnerte sich später, dass die Taufe in einem Segeltuchbassin im erwähnten Lokal stattfand, „wo fast mehr Wasser im Raum war, als im Taufbassin, weil dasselbe nicht ganz wasserdicht war. Eine sehr schöne Erinnerung.“ 8 Nur zwei Monate später, am 26. März 1911, gab es wieder eine Tauffeier, da sich inzwischen noch mehr Leute aus Großrückerswalde, Ehrenfriedersdorf und anderen Orten bekehrt hatten. Zu diesem Gottesdienst, der an einem Sonntag stattfand, war Bruder G. W. Schubert zugegen. Er war der damalige Vorsteher der Sächsischen Vereinigung aus Dresden und organisierte die Gemeinde offiziell. Im Zuge dessen wurde Emil Löser von der Gemeinde einstimmig zum ersten Gemeindeältesten gewählt. Kurz darauf verlegte er seinen Wohnsitz von Großrückerswalde nach Annaberg. In der Folgezeit widmete er sich der Kolportage und wurde zum Leiter der Buchevangelisation in Sachsen.

Eine evangelistische Gemeinde

In diesen Jahren war Mission der Dreh- und Angelpunkt des Gemeindelebens. Man legte weite Strecken zurück, um die Menschen auch in entfernten Orten zu erreichen. Wenn jemand eine evangelistische Veranstaltung abhielt, so wurde er durch das Gebet und die aktive Mithilfe der anderen Adventisten der Region unterstützt. Als beispielsweise im März 1912 von Georg Freund und einigen anderen ein sogenannter „Familien-Unterhaltungsabend“ in Aue durchgeführt wurde, war es selbstverständlich, dass auch Gläubige aus Annaberg und viel weiter entfernten Städten anreisten. Was die Gemeinden und die einzelnen Mitglieder vereinte, war in erster Linie das Anliegen, ihren neu gefundenen Glauben an andere weiterzugeben. Die Resonanz war teilweise groß, wie folgender Bericht ausdrückt: „Nicht nur durch unsere Annonce wurde den Leuten der freundliche Ruf zuteil: Kommt herzu! Auch persönlich luden wir ein. Ja, sogar der erste Geistliche des Ortes versäumte nicht, durch einen Warnungsruf von der Kanzel die Leute auf unsere Sache aufmerksam zu machen. So kam es denn, dass der geräumige Germaniasaal bis auf den letzten Platz, auch aus den höheren Kreisen der Bevölkerung, besetzt war, viele stehen mussten und viele den Saal wegen Platzmangel überhaupt nicht betreten konnten.“ 9 Dieses Beispiel aus Aue entspricht auch den Erfahrungen aus Annaberg. Viele Leute kamen zu den Evangelisationsversammlungen und einige entschieden sich für die gehörte Botschaft. In der damals durchweg christlich geprägten Erzgebirgsregion war klar, dass die meisten Menschen, die zur Adventgemeinde hinzukamen, vorher Mitglieder einer anderen Kirche waren. Eine Aufnahme in die Adventgemeinde hatte somit automatisch den Bruch mit der bisherigen Kirchenmitgliedschaft zur Folge. Die Reaktion der Pfarrer und Kirchenvorstände war aus diesem Blickwinkel nur allzu verständlich. Das Klima zwischen den verschiedenen christlichen Gemeinden unserer Stadt war aus diesem Grund häufig kühl bis feindlich.

Von Mitte Juli bis Anfang September 1912 führte die Gemeinde in Annaberg eine große Evangelisation durch. Zu diesem Zweck wurde das Zelt der damaligen Vereinigung, welches man „heiliges Kino“ nannte, auf einer damals freien Fläche in der Parkstraße aufgestellt. Bis zum letzten Vortrag kamen viele Besucher, so dass das Zelt oft zu klein war. Die Früchte dieser Zeltevangelisation blieben allerdings unter den Erwartungen, da in Folge dieser Vorträge nur vier Personen in die Gemeinde fanden: Johanna Böhme, Johanne Lorenz, Paul Feig und Eugen Mann. Während dieser Zeltvorträge fand in der Annaberger Gemeinde zudem eine sogenannte „Arbeiterversammlung“ statt, bei der Vertreter der Ostdeutschen Union10 zugegen waren und die Gemeinde missionarisch ausbildeten. Es soll eine stattliche Anzahl von Gemeindegliedern dabei gewesen sein. Durch Vorträge und Gesprächsrunden wurden den Anwesenden Grundlagen der Öffentlichkeitsarbeit und der Evangelisation vermittelt; der Kontakt zur Unionsleitung wurde gefestigt und die Gemeindearbeit gestärkt. Dabei wurde von vielen Erfahrungen und Ereignissen berichtet, welche die Gemeindeglieder motivierten und ermutigten.

Umzug

Da die Gemeinde immer mehr ein beständiges Wachstum zu verzeichnen hatte und die bisherigen Räume in verschiedener Hinsicht ungünstig waren, entschloss man sich, nach etwas Neuem zu suchen. Es wurden Annoncen aufgegeben und allerlei Bemühungen angestellt, doch es ließ sich kein passendes Haus finden. Viele der Angebote waren zu teuer. „Weil wir nichts fanden, ging der Herr selbst auf die Suche. Ohne Zutun von irgendeiner Seite kam eines Tages ein Mann zu mir und sagte: ‚Sie suchen doch einen Saal, gehen Sie dort und dort hin, dort ist ein Saal frei, der für Sie günstig ist.’“ 11 Der Saal, den dieser Mann meinte, befand sich auf der Großen Kirchgasse 47 und erwies sich für Gottesdienste und Vorträge als äußerst praktisch. Es war ein wunderschöner rechteckiger Raum mit 6-Fenster-Front, der von den Gemeindegliedern innerhalb von zwei Wochen geschmückt und ausgestaltet wurde. Am 7. Dezember 1912 fand die Einweihung dieses von der Gemeinde dankbar als „Musterlokal“ bezeichneten Raumes statt. Emil Löser hatte das Podium für diesen Raum hergestellt und darin ein Taufbassin eingebaut. Noch am Nachmittag des Einweihungstages fand die Taufe von zwei Männern in dem neuen Bassin statt.

Staatliche Schikane

Nach damaligem Gesetz war es in Annaberg zeitweise verboten, am Samstag gottesdienstliche "Kulte" durchzuführen. Als solche galten öffentliche Veranstaltungen, in denen Singen und Beten mit einer Bibelbetrachtung kombiniert wurden. Bei Zuwiderhandlungen wurde eine Strafe von 100 Mark12 fällig. Sogenannte Bibelstunden mussten polizeilich angemeldet werden. Georg Freund, welcher 1912 die Zeltversammlung in Annaberg abhielt, berichtete, dass er wegen nicht angemeldeter Bibelstunden von der Königlichen Amtshauptmannschaft mit einer Geldbuße von 10 Mark13 bestraft wurde. Des Weiteren gab es keine Tauffreiheit. Die Ordnungsstrafe für eine Taufe kostete 150 Mark14 – sowohl für den Täufer als auch für jeden weiteren Teilnehmer der Taufe. Aus diesem Grund wurden die Taufen teilweise im Untergrund durchgeführt. Es wird berichtet, dass die ersten drei Frauen – unter ihnen die „Höbler-Tante“ – nachts unter Geheimhaltung getauft wurden. Eine Begebenheit zeigt, wie erfinderisch die Gemeinde im Umgang mit dem Taufverbot war: Von der Taufe Johanna Böhmes und einiger anderer hatte ein Gast erfahren, der sich zuvor bei einem Vortrag sehr interessiert gezeigt hatte. Als es nun zu dieser Taufe kam, erstattete dieser Gast Anzeige bei der Polizei. Daraufhin wurde Johanna Böhme vorgeladen und sollte nähere Angaben machen. Beispielsweise sollte sie den Namen des Taufenden nennen, der daraufhin eine Geldstrafe erhalten sollte. „Der Herr leitete das Verhör so, das keine Bestrafung erfolgte. Da es nun bekannt war, wo sich der Ort der Taufhandlung befindet, so erschien eines Tages die Polizei bei Br. E. Löser und er musste das Bassin in ihrer Gegenwart untauglich machen, doch der Geist Gottes leitete den Bruder so, das der Schaden sofort wieder geheilt werden konnte. Br. Löser musste nun das Versprechen schriftlich abgeben, dass keine Taufe mehr in diesem Bassin stattfindet. In diesem Protokoll fügte er aber den Satz ein: ‚in meiner Gegenwart’. Solange nun keine Tauffreiheit war, hat auch Br. Löser keiner Taufe beigewohnt, aber getauft wurde immer feste in seiner Abwesenheit.“ 15

3 Als Missionar bezeichnet man einen Menschen, der gerne seinen Glauben unter anderen Menschen verbreitet. Manche machen sich dies zur Lebensaufgabe. Sowohl die Verbreitung als auch die Annahme des Glaubens geschieht dabei absolut freiwillig.

 

4 Paul Eduard Staubert war der erste adventistische Evangelist in Annaberg. Er wurde am 4. Juni 1878 in Eschede, Kreis Celle, als Sohn der Eheleute Ernestine geb. Kleemann und Julius Staubert geboren. Er heiratete 1907 in Chemnitz Emma Auguste Wilhelmine Köhler. Diese wurde am 14. Oktober 1883 in Abbau Korojanke, Kreis Flatow, als Tochter der Eheleute Wilhelmine & Gottlieb Köhler geboren. Gemeinsam bekamen sie die Kinder Paul Otto, Ellen und Irmgard. Nach ihrem Aufenthalt in Annaberg zog die Familie Staubert in der ersten Jahreshälfte 1910 weiter in die Oberlausitz, denn ihr erstes Kind Paul Otto wurde am 6. Juni bereits in Zittau geboren. Am 8. Oktober 1933 verstarb Paul Eduard Staubert in Bonn.

 

5 Das „Schützenhaus“ war eine Gaststätte an der Schützenwiese, dem heutigen Kätplatz. Im März 1933 wurde die Gaststätte in ein Konzentrationslager umfunktioniert. Weit über 500 Kommunisten, Sozialdemokraten, Parteilose und Christen des gesamten Obererzgebirges wurden dort gefoltert und misshandelt.

 

6 Als „Kolporteure“ wurden seit langer Zeit Menschen bezeichnet, die als Hausierer Bücher in Einzellieferungen vertrieben. Für viele Menschen war dies in manchen Zeiten die einzige Möglichkeit, an bestimmte Literatur zu kommen. Vor allem im 19. Jahrhundert galt Kolportage als wichtiges Instrument christlicher Mission, da sie teilweise auch mit Bibelstunden und Hausgottesdiensten verbunden war. Später wurden Kolporteure in adventistischen Kreisen üblicherweise „Buchevangelisten“ genannt.

 

7 Chronik von Emil Löser (1935)

 

8 Chronik von Emil Löser (1935)

 

9 Zions-Wächter (15.04.1912), S. 162

 

10 Die deutschen Adventgemeinden waren damals wie heute in Vereinigungen und Verbänden (Unionen) organisiert. Annaberg gehörte zur Sächsischen Vereinigung. Diese wiederum war ein Teil der Ostdeutschen Union. Die regionale Aufteilung veränderte sich in Deutschland später noch mehrfach.

 

11 Pastor Werner Brink im Zions-Wächter (03.02.1913), S. 52

 

12 100,- Goldmark entsprachen rund 490,- €.

 

13 10,- Goldmark entsprachen rund 49,- €.

 

14 150,- Goldmark entsprachen rund 730,- €.

 

15 Chronik von Emil Löser (1935)


3. Zwischen den Weltkriegen

Während die folgenden Jahre durch zwei große Kriege sowie wirtschaftliche und soziale Talfahrten im ganzen Land schwierig waren, erlebte unsere Gemeinde weiterhin die Führung und Hilfe Gottes.

Der Erste Weltkrieg

Im Jahre 1914 brach der Erste Weltkrieg über Deutschland herein. Fast alle Männer der Gemeinde wurden in den Folgejahren als Soldaten eingezogen und in den Krieg geschickt. Im September 1916 wurde schließlich auch der Gemeindeleiter Emil Löser eingezogen und sein Amt mit Oskar Weigel neu besetzt, welcher während der restlichen Kriegsjahre in Annaberg bleiben konnte. Trotz allem Leid empfand die Gemeinde ihr Leben in den Kriegsjahren als sehr erbaulich und abwechslungsreich. Reinhold Däumichen, der während des Krieges in Annaberg als Prediger arbeitete, musste als einer der wenigen Männer die ganze Gemeindearbeit abdecken. Dies gelang ihm anscheinend sehr gut, denn die Gemeinde wuchs weiterhin. In den Kriegsjahren schlossen sich beispielsweise die ersten Personen aus Gelenau, Geyer, Marienberg, Lauterbach, Scheibenberg, Cranzahl, Ehrenfriedersdorf und Thum durch die Taufe der Gemeinde in Annaberg an. Noch mitten im Krieg, am Donnerstag, dem 17. August 1916, wurden schließlich die Gruppen in Gelenau und Marienberg offiziell zu Gemeinden organisiert. Eine bevorzugte Form der Evangelisation war damals die Durchführung öffentlicher Vorträge zu biblischen Themen. Einmal wollte Werner Brink eine Evangelisation in Annaberg halten. Aus nicht genannten Gründen musste er aber einen Tag vorher absagen. Allerdings war für diese Veranstaltung im Vorfeld schon kräftig eingeladen worden. „Br. Weigel war nun vor die Tatsache gestellt, den öffentlichen Vortrag selbst zu halten, was er bis dahin noch nie getan hatte. Mit bangem Herzen ging er an die Arbeit und es ging.“ 16 Immer wieder erlebten die Mitglieder der Gemeinde, wie Gott ihnen half und sie durch alles hindurchführte.

In der Weimarer Republik

© Wilfriede Schmiedel
© Wilfriede Schmiedel

Nach dem Ersten Weltkrieg begann im ganzen Land eine neue Zeit. Die Gesetzeslage änderte sich, so dass die Adventgemeinde in Annaberg als Verein registriert werden musste. Dies hatte zur Folge, dass jeder Gottesdienst anzumelden war und eine Gebühr von 50 Pfennigen pro Monat erhoben wurde. Bei öffentlichen Vorträgen war es verboten, Gebete zu sprechen. Das Gottesdienstthema musste jeweils angegeben werden. So teilte man der Ortsbehörde regelmäßig den Titel der Sabbatschullektion mit. „Auf Veranlassung der Behörde, wir vermuten vom Kirchenamt, hatten wir öfters den Besuch der Polizei in unseren Versammlungen. Anständigerweise kam der Beamte meistens in Zivilkleidung. Unser Hauswirt, dem das selbst lästig erschien, sorgte mit den Worten: ‚Was belästigst du die Leute, unterlasse das!‘. Von da an hatten wir Ruhe.“ 17 Im Jahre 1921 wurde in Annaberg ein adventistischer Jugendbund gegründet. Damit nahm man 11 Jahre nach Gründung der Gemeinde eine organisierte Jugendarbeit in Angriff. In Folge dessen wurden regelmäßig Jugendfeste veranstaltet und die Jugendlichen wurden missionarisch aktiv. Missionsausflüge und sogenannte „Liedmission“ führten die Jugendgruppe unter Anleitung von Ernst Zschocke zum Beispiel nach Rittersgrün, Johanngeorgenstadt und Tellerhäuser.

Das evangelistische Engagement der Gemeinde war weiterhin ungebrochen. Fast jeden Sonntag waren Gemeindeglieder in Annaberg und anderen Orten unterwegs, um Menschen für den Glauben an Jesus zu gewinnen. Am Abend trafen sie sich dann in der Wohnung von Oskar und der Traktatverwalterin Olga Weigel, um von ihren Erfahrungen zu berichten. Das Engagement der Gemeinde war so stark, dass es kaum ins Gewicht fiel, dass die Gemeinde für einige Zeit keinen Prediger mehr hatte. Ein Ereignis im Zusammenhang mit einem öffentlichen Vortrag, das die Gemeinde dann Mitte der 20er-Jahre sehr ermutigte, soll hier genannt werden. Karl Thiele, damaliger Prediger der Gemeinde, veranstaltete eine Evangelisation. „Selbiger lud auch Frau Sacher mit ihrer Tochter aus Königswalde ein. Nach dem Vortrag erzählte erstere einen Traum: Mir träumte, auf der Straße nach Bärenstein, bei dem Restaurant Morgensonne, machte ein Mann mit einer dreiteiligen Holzschaufel die Straße frei vom Schnee und ein Brief kam geflogen. Der Mann, den sie gesehen hatte, war niemand anderes, als der Vortragende, der ihr bis dahin völlig fremd war. Diese Erzählung war allen wunderbar.“ 18 So und anders bereitete Gott die Menschen vor, damit sie sich ihm öffnen konnten.

Gemeindeleben

© Wilfriede Schmiedel
© Wilfriede Schmiedel

Die Gemeinde erlebte auch viel Geselligkeit und Gemeinschaft. Im Sommerhalbjahr wurden oft Waldgottesdienste abgehalten und am Sabbatnachmittag Spaziergänge unternommen. Die Gemeindeglieder aus anderen Orten waren häufig über Mittag bei Geschwistern aus Annaberg eingeladen, wenn man den ganzen Sabbat miteinander verbrachte. Elfriede Weigel erinnerte sich, dass sich die Größe der Tischgemeinschaft zu Hause an den Wochenenden meist mehr als verdoppelte. Darüber hinaus half man sich gegenseitig. In dieser Zeit und auch später noch brachten jedes Jahr viele Leute gemeinsam die Kartoffelernte von Gemeindegliedern ein und hatten dabei viel Spaß.

Als nach dem Ersten Weltkrieg die Lebensmittel noch sehr knapp waren, kam einmal eine größere Lieferung gespendeter Nahrungsmittel und Kleidungsstücke von den Adventisten aus der Schweiz und aus Amerika nach Annaberg. „Wir hatten viel Arbeit damit, wessen sich die Geschwister erinnern werden, die als Verteiler ihrer Pflicht nachkamen. Die Verteilung fand in der Wohnung des damaligen Predigers Br. Hermann Jaster statt und trotz der Mühe waren es schöne Stunden. Die Sachen kamen wie gerufen. Unter Gebet wurde die Verteilung begonnen und es kam uns nicht zu Ohren, dass sich jemand benachteiligt gefühlt hätte. Den Spendern sei heute noch in Dankbarkeit gedacht.“ 19 Anfang 1924 gründeten Annaberger Gemeindeglieder in Geyer eine neue Gemeinde. In Annaberg jedoch wurden der Gemeinde im selben Jahr, entgegen aller vertraglichen Vereinbarungen, die Räume gekündigt. Gezwungenermaßen suchte man neue Räume und fand diese schließlich in der Voigtstraße 8 20. Das neue Quartier war allerdings nicht von Dauer. Schon im Frühjahr 1926 wurden neue Räume in der Unteren Badergasse 3 bezogen21, welche die Gemeinde über viele Jahrzehnte hinweg beheimateten. Zuvor wurde aber noch im Jahre 1925 von Annaberg aus eine Gemeinde in Neundorf organisiert. Eine besondere Schulung erhielten einige Mitglieder der Annaberger Gemeinde im Jahre 1927. „Der langgehegte Wunsch, einen größeren Teil der Gemeindeglieder mit den Kenntnissen der Ärztlichen Mission auszurüsten, damit sie auch in dieser Hinsicht das Gebot der Nächstenliebe übten und erfüllten, ist nun mit Gottes Hilfe zur Tat geworden.“ 22

Der Gemeindeälteste Max Böhme und seine Frau Johanna (Foto aus späterer Zeit). © Ursula & Günther Krautschick
Der Gemeindeälteste Max Böhme und seine Frau Johanna (Foto aus späterer Zeit). © Ursula & Günther Krautschick

Ab Herbst 1926 fand in Annaberg ein Lehrgang der Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz statt, an dem 15 Personen aus der Gemeinde teilnahmen, welche somit fast 60% aller Absolventen stellten. Dank ihrer eifrigen Teilnahme konnten alle Beteiligten die Theorie- und Praxisprüfung im Frühjahr 1927 mit „Gut“ oder „Sehr gut“ bestehen. Nach der erfolgreichen Prüfung zog die gesamte Gruppe „unter den Klängen des Spielmannzuges“ 23 zu einem abschließenden Treffen in ihr Vereinslokal.

Ein Jahr später wurde wiederum eine neue Gemeinde gegründet – diesmal in Neudorf. Das Gemeindewachstum setzte sich fort. Anfang 1932 wurde eine Sonntagsschule für Kinder eingerichtet und ein sogenannter „Kinderwerbetag“ durchgeführt, der Kinder für die Sonntagsschule begeistern sollte. Des Weiteren gab es in der Gemeinde eine „Tabea-Gruppe“, die Hilfsbedürftige unterstützte und Kleidung nähte. Mit einigen Ältesten- und Predigerwechseln endete dann für die Gemeinde die Zeit der Weimarer Republik.

Adventgemeinde im NS-Staat

Einige Gemeindeglieder mit dem Prediger Bruno Neef (ganz hinten). © Wilfriede Schmiedel
Einige Gemeindeglieder mit dem Prediger Bruno Neef (ganz hinten). © Wilfriede Schmiedel

Anfang des Jahres 1933 fiel das Land in die Hände der Nationalsozialisten – mit verheerenden Folgen, wie sich später weltweit herausstellen sollte. Die Schwierigkeiten begannen noch im selben Jahr, als die Adventgemeinden des Deutschen Reiches am 26. November 1933 verboten wurden. Das Verbot wurde zwar nach 10 Tagen wieder aufgehoben, hatte aber seine abschreckende Wirkung nicht verfehlt. Die Gläubigen wurden vorsichtiger und beobachteten das Geschehen mit Zurückhaltung. Nicht zuletzt die Einhaltung des „Sabbats“ stellte die Adventgemeinden in die Nähe des jüdischen Volkes und machte den Umgang der Behörden mit der Gemeinde ungewiss und unberechenbar. Trotz allem verlief das Leben der Gemeinde zunächst weiter wie bisher. Im Frühjahr 1933 begann Emil Löser mit der Planung eines gemeindeeigenen Posaunenchors, der sich schließlich ab 1934 regelmäßig zum Proben traf. Im Sommer 1933 gründete die Gemeinde wiederum eine neue Tochtergemeinde – diesmal in Crottendorf. So zogen die Jahre ins Land und man konnte schon bald auf eine 25-jährige Gemeindegeschichte zurückblicken. Im Rahmen eines festlichen Gottesdienstes wurde am 15. November 1935 das Jubiläum gefeiert. Weit über 300 Personen kamen im Gasthof „Gute Aussicht“ zusammen und erinnerten sich der zurückliegenden Jahre, wobei sie gleichzeitig in die Zukunft dachten und für den weiteren Weg ermutigt und motiviert wurden. Sie lauschten an diesem Tag den Predigten und Berichten der alten Prediger und spendeten ca. 100 RM 24 „Sabbatschulgaben“. „Umrahmt war die Feier wie alle Veranstaltungen des Tages mit Gesang, Musik und Gedichtvorträgen. Ein gutgelungenes Fest am Abend brachte den Abschluss des Tages.“ 25

Gefahr und Verfolgung

Ungeachtet der freudigen Ereignisse bekam die Gemeinde zunehmend die Auswirkungen des Nationalsozialismus und der damit verbundenen Weltsicht zu spüren. Beispielsweise wurde das Taufen verboten. Siegfried Schneider berichtete, dass er im Sommer 1941 im angestauten Bach bei Erich Marschner in Tannenberg in „eiskaltem Wasser“ getauft wurde. Die Taufe musste geheimgehalten werden und nur wenige Leute waren anwesend. An derselben Stelle wurde dann im Sommer 1947 ebenso auch Gertrud Hahn getauft. Die Verbreitung adventistischer Schriften wurde immer problematischer, da diese nicht selten den Sabbat und andere Gemeinsamkeiten mit dem jüdischen Glauben zum Inhalt hatten. Missionarische Schriften durften ab 1935 nur noch mit einem „Wandergewerbe-Genehmigungsschein“ kolportiert werden. Die Genehmigung eines solchen wurde von der Annaberger Amtshauptmannschaft aufgrund eines Gutachtens des sächsischen evangelisch-lutherischen Landeskirchenamtes in Dresden wieder zurückgezogen, da die Inhalte adventistischer Schriften „dem deutschen Volksempfinden“ zuwider seien und „Ärgernis in religiöser Beziehung“ bewirken würden.26

Die Verfolgung mancher Gruppen, insbesondere der Juden, spitzte sich zu. Im Jahre 1938 wurden die letzten 16 Annaberger Juden vertrieben oder deportiert. Die Nähe der Adventisten zum jüdischen Lebensstil machte sie verdächtig. So kam es, dass die Einhaltung des Sabbats die Mitglieder der Gemeinde zunehmend in Schwierigkeiten brachte. Siegfried Schneider wurde im Mai 1941 von der Gestapo Chemnitz27 verhört, weil er in einer Bewerbung darum gebeten hatte, am Sabbat frei zu bekommen und dafür sonntags arbeiten zu dürfen. Durch einen Traum, den er zehn Tage vor dem Gestapo-Verhör hatte, spürte er jedoch Gottes Führung und Anteilnahme am Geschehen. Einige andere Gemeindeglieder wurden ebenso gezwungen, an den Sabbaten zu arbeiten. Bei Erich Marschner aus Tannenberg erschienen beispielsweise an einem Sabbat der Bürgermeister und ein Polizist, um zu überprüfen, ob er auch richtig arbeiten würde. Immer mehr Gemeindeglieder mussten im Laufe der Zeit wegen ihres Arbeitsplatzes Kompromisse eingehen. Eine Erhebung in der damaligen Westsächsischen Vereinigung, wozu auch Annaberg gehörte, ergab, dass mehr als die Hälfte aller Adventisten in dieser Region am Sabbat arbeiten ging.28 Für einige Zeit gab es für die Adventgemeinde Annaberg Auflagen. So durfte sie zum Beispiel keine Gottesdienste mehr am Vormittag feiern. Für viele Gemeindeglieder war klar, dass all diese Einschränkungen und der Krieg Zeichen der Endzeit seien, und so sahen sie sich selbst als die letzte Generation vor der Wiederkunft Jesu. Ein Ehepaar der Gemeinde veranlasste beispielsweise zwei seiner Töchter, nicht zu heiraten, weil Jesus bald wiederkommen würde.

Jugendliche bei einem Ausflug. © Hildegard & Siegfried Schneider
Jugendliche bei einem Ausflug. © Hildegard & Siegfried Schneider

In dieser Zeit war es für die einzelnen Gläubigen schwierig, sich ihrem Gewissen entsprechend zu verhalten. Bei manchen Entscheidungen hätte es um Leben und Tod gehen können, und nicht immer waren die Folgen von vornherein abzusehen. Noch im April 1933, drei Monate nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, predigte der damalige Pastor der Gemeinde über Römer 13,1-7 und die richtige Haltung der Christen gegenüber der Regierung. Die Liebe zu Gott und seinem Wort einerseits und die Angst vor der Macht des Staates andererseits sollte viele noch häufig in Gewissenskonflikte bringen.

Während der Kriegsjahre wurden immer wieder Männer der Gemeinde zum Heeresdienst eingezogen. Manche kamen wieder und wurden später Stützen der Gemeinde. Andere, wie zum Beispiel Paul Breitfeld, Herbert Schneider, Willi Jonuleit, Alfred Kreher oder der damalige Gemeindeälteste Kurt Pollmer, kehrten aus dem Krieg nicht mehr zurück. Der Prediger Karl Jonuleit begleitete die Gemeinde während der Kriegsjahre und erlebte, wie sich das Blatt ab 1945 wendete und für Deutschland und Europa eine neue Zeit anbrach.

16 Chronik von Emil Löser (1935)

 

17 Chronik von Emil Löser (1935)

 

18 Chronik von Emil Löser (1935)

 

19 Chronik von Emil Löser (1935)

 

20 Die damalige Voigtstraße 8 ist die heutige Pestalozzistraße 34, also ganz in der Nähe unseres jetzigen Gemeindezentrums.

 

21 Die Gemeinde mietete damals einen Saal, einen Nebenraum und einen Kellerraum zur Aufbewahrung von Heizmaterial. Einmal vierteljährlich durfte die Waschküche benutzt werden. Der Mietpreis betrug monatlich 45,- RM (ca. 150,- €), inklusive Mietzinssteuer, aber exklusive Feuerschutzsteuer und Wassergeldzuschlag. Auf halber Treppe standen der Gemeinde zwei Klosetts zur Verfügung. Der Nebenraum musste gegen Ende des Krieges wegen der Wohnungsnot abgegeben werden, dafür konnte aber später der kleine untere Saal genutzt werden.

 

22 Der Adventbote, Nr. 33 (1927), Heft 17, S. 260

 

23 Der Adventbote, Nr. 33 (1927), Heft 17, S. 261

 

24 100,- Reichsmark entsprachen ungefähr 332,- €.

 

25 Der Adventbote, Nr. 42 (1936), S. 46

 

26 Siebenten-Tags-Adventisten im Nationalsozialismus, S. 371-372

 

27 Er wurde von der Abteilung II B vorgeladen. Diese war z. B. für christliche Konfessionen, Sekten und Juden zuständig.

 

28 Siebenten-Tags-Adventisten im Nationalsozialismus, S. 451-452


4. Ostdeutschland

Arbeitseinsatz auf einem Feld von Erich Marschner. © Hildegard & Siegfried Schneider
Arbeitseinsatz auf einem Feld von Erich Marschner. © Hildegard & Siegfried Schneider

Die politische Situation veränderte sich. Die Gemeinde konnte sich freier entfalten, wenngleich die neue Regierung die Gläubigen schon bald mehr einschränkte als förderte. Im April 1946 stand in der Sächsischen Zeitung: „Alle freien Kirchengemeinden, religiösen Sekten, Gemeinschaften usw. haben sich am Dienstag, dem 23. April 1946, in der Kommandantur, Zimmer Nr. 11, militärische Zensur, zur Registrierung einzufinden.“ 29 Das Gemeindeleben fand in den Folgejahren unter der stetigen Beobachtung des Staates statt. Sämtliche Veranstaltungen der Gemeinde mussten polizeilich genehmigt werden. So schrieb das Kreispolizeiamt Annaberg im Januar 1948: „Gemäß Beschluss der Kreiskommandantur Annaberg […] wurde die religiöse Tätigkeit der Siebenten-Tags-Adventisten genehmigt, soweit sie an dem bei der Registrierung angegebenen Zeitpunkt und Versammlungsort stattfindet […] Zusammenkünfte an anderen als an vorstehend angeführten Tagen sind von der Kreiskommandantur verboten und werden unnachsichtlich bestraft.“ 30

Die Gemeinde in Annaberg wuchs in der Nachkriegszeit wieder etwas stärker als im Nationalsozialismus. Das Interesse vieler Menschen an geistlichen Themen nahm nach den Erschütterungen der zurückliegenden Jahre zunächst zu. Die Ereignisse der zwei Weltkriege und die Schreckensherrschaft der Nazis muteten vielen nahezu apokalyptisch an. Umso verständlicher scheint es, dass sich das Augenmerk adventistischer Predigten und Schriften in diesen Zeiten umso mehr auf Themen richtete, die mit dem Ende dieser Welt im Zusammenhang stehen. Viele Bekehrungen fanden unter dem Eindruck dessen statt, dass die zurückliegenden Reiche in sich zusammengebrochen waren und viel Leid gebracht hatten. Man deutete biblische Prophetien auf diese Ereignisse hin und sah, wie sich Gottes Wort bewahrheitete. Diese Erkenntnis war für viele der Auslöser für ihre Bekehrung. Die Bevölkerung war eine gewisse Zeitlang offener für geistliche Dinge, bis sich der Sozialismus mit seinem Hang zum Atheismus auch im Erzgebirge allmählich durchsetzte.

Leben in der DDR

Für viele Adventisten war es weiterhin ein Problem, dass der Samstag als Werktag galt. Insbesondere die Kinder waren betroffen, die, wie schon im Dritten Reich, samstags regulär die Schule besuchen mussten. In vielen Familien der Adventgemeinde Annaberg weigerten sich die Eltern, ihre Kinder am Sabbat in die Schule zu schicken bzw. verweigerten es die älteren Schüler selbst. Dies brachte den meisten dieser Kinder und Eltern, je nach Schulleiter und Einsatz der Behörden, Nachteile ein. Klaus und Ursula Goll, damals wohnhaft in Frohnau, berichteten beispielsweise, dass mit der Einschulung ihrer ältesten Tochter im Jahre 1961 eine harte Zeit für die Familie begann. Die Verweigerung, diese und ihre drei weiteren Töchter samstags zur Schule zu schicken, führte bis zum Strafbescheid. Ausgehend vom Kreisschulrat wurde vom Rat des Kreises eine Strafe wegen Verstoß gegen das Schulgesetz in Höhe von 50,- Mark festgesetzt. Da es den Behörden nicht gelang, bei Klaus Goll eine Lohnpfändung vorzunehmen, stand eines Tages der Gerichtsvollzieher vor der Tür. In einem Bericht von Klaus Goll heißt es: „Unsere vierte Tochter war noch ein Baby als der Gerichtsvollzieher in meiner Abwesenheit bei uns zu Hause in der Wohnung erschien, der schaute sich in der Wohnung um und fragte: ‚Was soll ich denn hier pfänden?‘ Er empfahl meiner Frau, noch einmal das Gespräch mit dem Kreisschulrat zu suchen, was daraufhin auch geschah.“ Zu einer Einigung kam es zwar nicht, weitere rechtliche Schritte blieben aber anschließend aus. Je nach Schule und den zuständigen Direktoren und Lehrern wurde recht unterschiedlich auf solche Schulrechtsverletzungen reagiert. Manche Lehrer waren verständnisvoller, andere nicht. Die adventistischen Kinder mussten den wöchentlich versäumten Unterrichtsstoff selbstverständlich nachholen und viele machten die Erfahrung, dass sie den anderen Schülern häufig kaum nachstanden. Manche berichten von Begebenheiten, bei denen der Lehrer am Montag bewusst eine spontane Leistungskontrolle durchführte, um den adventistischen Schüler zu testen und bloßzustellen. Die meisten ließen sich allerdings sonntags die Mitschriften eines Klassenkameraden geben und holten das Versäumte nach. So kam es, dass viele in dieser Zeit erlebten, wie Gott ihnen half, und dass häufig gute Leistungen erbracht werden konnten. Meist wurden jedoch die Fehltage auf dem Zeugnis als „unentschuldigt“ ausgewiesen – selbst dann, wenn von den Eltern regelmäßig eine Entschuldigung eingereicht worden war, die die Lehrer häufig aber nicht anerkannten.

Gemeindeglieder bei einem gemeinsamen Ausflug. © Angela & Steffen Meyer
Gemeindeglieder bei einem gemeinsamen Ausflug. © Angela & Steffen Meyer

Ein weiteres Problem bestand in der Mitgliedschaft bei den Pionieren31 und in der FDJ32, welche viele adventistische Familien aus weltanschaulichen Gründen ablehnten. So war der Druck auf die Kinder und Jugendlichen zuweilen groß. Die Mitgliedschaft war zwar freiwillig, aber Nichtmitglieder hatten teilweise erhebliche Nachteile in Kauf zu nehmen. Häufig durften keine weiterführenden Schulen besucht werden, was meist die Aufnahme eines Studiums ausschloss. Auch die Berufswahl war in manchen Fällen eingeschränkt. So gab es mitunter Schüler, die die besten Leistungen erzielten, aber nicht studieren durften, weil sie sich nicht systemkonform verhielten. Lehrkräfte, die Verfechter der Ideologie und der staatlichen Organisationen waren, setzten die Schüler zuweilen stark unter Druck, den Pionieren und der FDJ beizutreten. Belastend war für die Kinder zudem der psychische Druck, den die Nichtmitgliedschaft im Schulalltag und im Umfeld bewirkte, wenn man beispielsweise beim schulischen Fahnenappell herausstach, weil man kein Pionier- oder FDJ-Hemd trug, oder montags dem Direktor Rede und Antwort stehen musste, weshalb man am Samstag gefehlt hatte. Manche gutmütigen Lehrer versuchten betroffenen Schülern jedoch auch zu helfen. Peter Schneider beispielsweise hatte einen wohlwollenden Musiklehrer, der ihn in der Pause kurz vorsingen ließ, um eine Note von ihm zu bekommen, da der gesamte Musikunterricht des Jahres an den Samstagen stattfand. Der Lehrer sorgte dafür, dass das Schuljahr auf diese Weise absolviert werden konnte. Ein weiteres Problem trat für all jene auf, die sich aus pazifistischen, ideologischen oder geistlichen Gründen weigerten, bei der Nationalen Volksarmee (NVA) ihren regulären Grundwehrdienst zu verrichten. Wer auch keinen Wehrersatzdienst bei den Grenztruppen oder der kasernierten Volkspolizei leisten wollte, hatte ab 1964 die Möglichkeit, bei den Baueinheiten der NVA zu dienen. Davon machten etliche Jugendliche der Adventgemeinde Annaberg in den Jahren dankbaren Gebrauch. Viele erlebten diese Zeit als glaubensstärkend, da sie für ihren Glauben Stellung beziehen mussten und zu einem konsequenten christlichen Leben veranlasst wurden. Als Bausoldat lernten viele junge Adventisten auch Christen anderer Konfessionen kennen, die ihren Glauben aufrichtig lebten. Häufig lernte und profitierte man in diesen Zeiten voneinander.

Festgottesdienste und Mission

Das Gemeindeleben bekam nach einer kriegsbedingten Flaute ab den späten 40er-Jahren wieder Stabilität. Feste Höhepunkte und Traditionen etablierten sich im Kirchenjahr. Regelmäßig wurden große Festgottesdienste durchgeführt. Als Krönung empfand man seit jeher die Bezirksgottesdienste, zu denen die Adventgemeinden des Oberen Erzgebirges jährlich zusammenkamen und in der Regel ein ganzes Wochenende gemeinsam verbrachten. Freitagabend, Sabbatvormittag, Sabbatnachmittag und Sonntagvormittag fanden Gottesdienste mit Predigten statt; die Sabbatnachmittage hatten mit den zahlreichen musikalischen Beiträgen häufig Konzertcharakter; sabbatabends wurden zeitweise öffentliche Vorträge gehalten und an den Sonntagnachmittagen Wanderungen unternommen – so zum Beispiel auf den Pöhlberg oder den Bärenstein. Diese Zeiten wurden als sehr intensiv erlebt und die Programme und Gastprediger prägten die Gemeinde. Andere bedeutende Anlässe waren zum Beispiel Erntedank-, Evangelisations-, Abendmahlsgottesdienste, Kinderadventfeiern und in der ersten Zeit auch die Schulentlassungsfeiern. Da die Gemeinde bis 1958 stetig wuchs, stellte sich schon ab Anfang der 50er-Jahre der Wunsch nach einem größeren Gottesdienstraum ein. Dieser Wunsch sollte erst über 30 Jahre später in Erfüllung gehen. Der Raum in der Unteren Badergasse war zu manchen Zeiten allein schon für die Annaberger Gemeinde zu klein. Erst recht erwies es sich bei regionalen Gottesdiensten, bei denen andere Gemeinden hinzukamen, als unmöglich, gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Aus diesem Grund wich man bei besonderen Anlässen schon sehr bald in andere, angemietete Räume aus. Bis etwa Ende der 50er-Jahre diente der Gasthof „Erbgericht“ in Kleinrückerswalde als Raum für große Gottesdienste. Danach nutzte die Gemeinde verschiedene Veranstaltungssäle, je nachdem, wo es terminlich möglich war. Hauptsächlich wäre hier das Diakonieheim33 der evangelischen Kirche, die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“34 und die Methodistenkirche35 zu nennen.

Großer Festgottesdienst zum Anlass des 50-jährigen Bläserjubiläums 1984 in der Methodistenkirche. © Hans-Jürgen Dienelt
Großer Festgottesdienst zum Anlass des 50-jährigen Bläserjubiläums 1984 in der Methodistenkirche. © Hans-Jürgen Dienelt

In regelmäßigen Abständen fand in der Unteren Badergasse eine Evangelisation statt. Diese zog sich zuweilen über viele Wochen hin, in denen oft am Sonntagnachmittag oder an verschiedenen Abenden ein öffentlicher Vortrag gehalten wurde. Die Gemeindeglieder waren in diesen Zeiten besonders aufgefordert, für die Vorträge und den Prediger zu beten, Einladungszettel zu verteilen und selbst die Vorträge zu besuchen. Wie aus Aufzeichnungen und Berichten hervorgeht, war die Beteiligung der Gemeindeglieder an missionarischen Aktivitäten und am Gebet spätestens seit den 60er-Jahren immer wieder mangelhaft. Dies war häufig Anlass für Aufrufe von Seiten der Gemeindeleitung. Man versuchte verschiedene Initiativen zu ergreifen, um Menschen für den Glauben und die Gemeinde zu begeistern. Von 1967, dem sogenannten Bibeljahr, wird beispielsweise berichtet, dass die Mitglieder der Gemeinde dazu ermutigt wurden, mindestens eine Bibel zu verschenken und eine Person fürs Bibellesen zu gewinnen. Einzelne Mitglieder der Gemeinde besuchten im Laufe der Jahre mit großer Regelmäßigkeit Bekannte, welche sie für Jesus begeistern wollten. Sie beteten für diese, gaben ihnen geistliche Literatur weiter und unterhielten sich mit ihnen. Auch die Jugend führte gelegentlich mit Hilfe des jeweiligen Jugendpredigers Evangelisationen durch. In manchen Jahren fanden auch spezielle Evangelisationsveranstaltungen für Kinder statt.

Jugendliche und Kinder

Kindergruppe der Gemeinde. © Angela & Steffen Meyer
Kindergruppe der Gemeinde. © Angela & Steffen Meyer

Die Zahl der überregionalen Veranstaltungen schien den vielen Berichten zufolge im Laufe der DDR-Zeit etwas zuzunehmen. Es fanden Treffen verschiedener gemeindlicher Arbeitsbereiche oder Interessengruppen statt sowie große Vereinigungskonferenzen. Besonders prägend waren für viele Jugendliche die Jugendgottesdienste und -treffen im „Waldpark“36, die dort regelmäßig zu Ostern und später zu Pfingsten abgehalten wurden. In Annaberg wurde die Gemeinde immer wieder durch Jugendgottesdienste, Jugendaufnahmen und regelmäßige Jugendstunden bereichert. Auch Tagesausflüge, Wanderungen und andere Erlebnisse wurden hin und wieder zu Höhepunkten im Gemeindeleben. In späterer Zeit kamen auch Jugendurlaube hinzu. Wanderungen in der Hohen Tatra und anderswo prägten sich tief ein. Mit den Kindern wurde ebenfalls regelmäßig etwas unternommen. Kinderweihnachtsfeiern und Wanderungen standen immer wieder auf dem Programm. Man verbrachte zum Beispiel Nachmittage mit Puppenspiel bei Golls auf der Halde37, bekam bei Schmiedels in Walthersdorf eine Filmvorführung geboten oder ging im Winter Schlitten fahren. Später fanden in Annaberg „Kinderhelfertagungen“ statt, bei denen die Mitarbeiter für die Kinderveranstaltungen ausgebildet wurden. Des Weiteren nahmen im Laufe der Jahre die meisten der adventistischen Kinder am gemeindeeigenen Religionsunterricht teil, der mitunter durch eine Prüfung abgeschlossen wurde. Da es über weite Strecken der deutschen Geschichte keinen schulischen Religionsunterricht gab, war dies eine gute Möglichkeit, den Schülern dennoch entsprechendes Wissen zu vermitteln. In einigen Jahrzehnten wurde sonntags regelmäßig eine Kindersonntagsschule durchgeführt. So manche „Kindertante“ investierte viel in die Kinder und blieb diesen auch über die Kindheit hinaus in Erinnerung. Die „Kinderbetreuung“ während der Sabbatgottesdienste hatte in den Jahren unterschiedliche Qualität und Beweggründe. Für manchen Erwachsenen ging es vorrangig darum, die Störfaktoren im Gottesdienst zu reduzieren. Einem Protokoll zufolge wurde zum Beispiel einmal diskutiert, ob man die Kinder nicht lieber in der zweiten Gottesdiensthälfte betreuen sollte als in der ersten. Der Grund für solche Überlegungen war nach diesem Bericht, an welcher Stelle die Kinder am meisten den Gottesdienstverlauf stören würden. In derselben Zeit überlegte man andererseits auch, wie der Gottesdienst noch mehr durch die Kinder und Jugendlichen bereichert werden könnte. Wie sich beides vereinbaren ließ, lassen die Protokolle leider offen. Die meisten Kinder genossen die Erlebnisse mit den anderen Gleichaltrigen in der Gemeinde und behielten, ungeachtet mancher Erwachsener, das Schöne der Kindergottesdienste und der späteren Jugendstunden in Erinnerung – auch wenn sie nicht immer Teil der Gemeinde blieben.

Fortschritt, Rückschritt und Veränderung

Wie die Welt um sie herum entwickelte sich auch die Gemeinde in vielen Punkten weiter. So wurde beispielsweise im Jahre 1960 eine „Übertrager- und Schwerhörigenanlage“ angeschafft. Dank dieser und späterer technischer Anschaffungen, ermöglichte man auch den Schwerhörigen in einer älter werdenden Gemeinde möglichst gewinnbringende Gottesdienste. Zu den technischen Möglichkeiten einer DDR-Adventgemeinde zählte auch die gottesdienstliche Präsentation von „Adventgemeinde in Bild und Ton“ (AiBuT). Dabei wurde mittels Ton und Diaprojektion von regionalen und überregionalen Ereignissen im weltweiten Adventismus berichtet. Ein gewisser Umfang technischer Neuerungen in der Gemeinde sollte später im Bereich der Ton-, Licht-, Video- und Bühnentechnik folgen.

Vom 26. bis zum 28. Mai 1961 wurde das 50-jährige Jubiläum der Adventgemeinde Annaberg im Haus der Mormonen gefeiert. Zu diesem Anlass gedachte man dankbar der vergangenen Jahrzehnte und sagte sich im Blick auf die Zukunft der Gemeinde: „Wir müssen die gegebenen Verhältnisse bestens ausnutzen und alle Möglichkeiten ausschöpfen, dem modernen Gegenwartsmenschen das Evangelium zu bringen.“ 38 Darum bemühten sich viele in all den Jahren. Nichtsdestotrotz nahm die Mitgliederzahl immer weiter ab. Allerdings hatte sich die wirtschaftliche Situation nach dem Krieg zumindest soweit erholt, dass ein Vergleich der Jahre 1958 und 1967 in Annaberg einen Zehntenzuwachs39 trotz des Mitgliederschwundes deutlich machte.

Annaberger Gemeindebibelwoche um 1976 im "Waldpark". © Ursula & Günther Krautschick
Annaberger Gemeindebibelwoche um 1976 im "Waldpark". © Ursula & Günther Krautschick

Grund zum Feiern gab es trotzdem immer wieder. Im September 1974 feierte man zum Beispiel das 40-jährige Bestehen des Annaberger Bläserchors. Es fand ein Festgottesdienst mit den Annaberger Bläsern und über 30 Gastbläsern aus befreundeten Bläserchören statt. „So recht auf erzgebirgisch ging dieser schöne Tag zu Ende: mit gemeinsamem Kuchenessen und freiem Musizieren vom Blatt.“  40

Hin und wieder wurde der Gottesdienstablauf verändert und neue Elemente integriert: der Gottesdienstbeginn, die Betreuung der Kinder oder die Gestaltung der verschiedenen Gottesdienstteile. So entschloss man sich beispielsweise 1976, die Gemeinde am Ende des Gottesdienstes durch den Prediger oder Ältesten segnen zu lassen, was bis dahin nicht der Fall war. Seitdem wurde dies zur Regel.

Zu wenig Platz

Das schon geschilderte Platzproblem in der Unteren Badergasse 3 machte sich fortwährend bemerkbar. Man zeigte an den unterschiedlichsten Objekten in Annaberg Interesse, aber alle Angebote zerschlugen sich aus unterschiedlichen Gründen. In den 50er-Jahren scheiterte die Raumsuche oft an der Uneinigkeit des Gemeinderates. An anderen Räumen verlor die Gemeinde das Interesse, da sie zu teuer oder unpraktisch gebaut waren. Bei anderen Gelegenheiten erteilten die Vermieter oder der Rat der Stadt eine Absage. Vielfach wurde auch nach einem geeigneten Platz für einen Neubau gesucht. Doch zunächst wurde keiner gefunden. Der Rat der Stadt und der Rat des Kreises hatten zwar ihre Hilfe zugesichert, aber dennoch schien die Lage lange aussichtslos zu sein. Resigniert ist in einem Brief des damaligen Predigers zu lesen: „Sollen wir uns nun damit abfinden, als Adventgemeinde Annaberg von dem ständigen Wachstum des Wohlstandes unseres Volkes, den unsere Gemeindeglieder durch eine grundsätzlich positive Einstellung zum Staat und fleißige Mitarbeit in ihren Berufen mit aufbauen, ausgeschlossen zu bleiben?“ 41

© Wolfgang Weidauer
© Wolfgang Weidauer

Einige Beispiele von Häusern und Grundstücken, die im Laufe der Jahre im Gespräch waren, sollen hier genannt werden: Ernst-Thälmann-Straße 53 (1969, Haus)42, Adam-Ries-Straße 21 (1969, Grundstück), Große Kirchgasse 4 (1970, ehemaliges Kino „Central-Lichtspiele“), Feldgasse (1970, Grundstück der ehemaligen Gaststätte „Gute Laune“), Wiesaer Weg (1971, Scheune), Gabelsberger Straße (1971, Räume), Kleine Kirchgasse 19 (1972, Räume), Katharinenstraße 9 (1972, Räume), Pestalozzistraße 8 (1972, Räume)43, Untere Badergasse 1 (1972, Räume), Kleine Kirchgasse 45b (1973, Räume), Große Kirchgasse 19 (1973, Räume), Breitscheidstraße (1973, ehemaliges Konsum-Möbelhaus), Büttnerplatz 2 (1974, Grundstück), Köselitzplatz 2 (1974, Scheune + Wohnhaus), Felix-Weiße-Straße (1978, Grundstück), Straße der Freundschaft (1978, Grundstück), Pfarrgasse 2 (1979, Grundstück), Untere Schmiedegasse 25 (1979, Grundstück). Bei manchen Räumlichkeiten war es fast unerklärlich, warum beispielsweise ein Tausch mit den bisherigen Räumen der Adventgemeinde nicht zustande kam, da die Lösungen mitunter für die Gemeinde, den Vermieter und die Stadt Vorteile gehabt hätten. Am besten kann man es vielleicht mit zwei Sätzen von Wilfried Gäbel erklären, die er damals mit Bezug auf eine erneute Absage schrieb: „Es ist schon so, dass auch die Entscheidung des Rates der Stadt Annaberg unter den Augen unseres lebendigen Gottes geschehen ist. Unser Gott wird dann einen anderen Platz für die Gemeinde haben.“ 44 Er sollte Recht behalten.

29 Sächsische Zeitung (16.04.1946)

 

30 Brief des Kreispolizeiamtes Annaberg (Abteilung: I 2 A/1) an den Gemeindeleiter Hermann Weigert (19.01.1948)

 

31 Die Pionierorganisation „Ernst Thälmann“ stellte eine Massenorganisation dar, der in den späteren Jahren der DDR fast alle Kinder angehörten (Jungpioniere von 6 bis 10, Thälmann-Pioniere von 11 bis 13/14 Jahren).

 

32 Die Freie Deutsche Jugend (FDJ) war ein sozialistischer Jugendverband in der DDR und als solcher die einzige staatlich anerkannte und geförderte Jugendorganisation. Ab 14 Jahren konnte man Mitglied werden.

 

33 Dabei handelt es sich um das Kirchgemeindehaus und heutige Haus der Diakonie in der Unteren Schmiedegasse 20.

 

34 Die Räume der „Mormonen“ waren zu diesem Zeitpunkt noch an der Bahnhofstraße 19 im Fabrikgebäude der Fa. Carl Köhler jr.

 

35 Das Gebäude der Evangelisch-methodistischen Kirche befindet sich bis heute am Emilienberg 10.

 

36 Heute „Christliches Haus für Freizeit, Bildung und Begegnung Waldpark e.V.“ in Leubsdorf OT Hohenfichte.

 

37 Gemeint ist eine bergbauliche Abraumhalde in unmittelbarer Nachbarschaft.

 

38 Chronik zum 50-jährigen Jubiläum (1961)

 

39 Die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten finanziert sich zum Großteil durch die freiwilligen Spenden ihrer Mitglieder. Dem typischen Spendenverhalten der Kirche liegt das biblische Prinzip zugrunde, 10% des persönlichen Einkommens für Gottes Werk zu geben.

 

40 Adventecho (01.02.1975), S. 14

 

41 Brief an einen Volkskammerabgeordneten vom 13.11.1972

 

42 In diesem Haus waren die Räume des „Deutschen Turn- und Sportbundes“ (DTSB). Diese hätten mit der Gemeinde eventuell die Räume getauscht, aber die Gemeinschaft der STA lehnte den Kauf des ganzen Hauses ab.

 

43 Derselbe Raum wurde von der Gemeinde schon 1925 genutzt. Damals war er ihr allerdings zu groß und zu teuer, was einen Umzug nötig machte. Im Jahre 1972 war es dann nicht mehr möglich, ihn erneut zu mieten.

 

44 Brief der Westsächsischen Vereinigung an den Prediger in Annaberg vom 09.05.1974


5. Ein Haus auf Fels gebaut

Etwa 7 Jahre nach diesem Brief erklärte sich der Grundstücksinhaber Walter Preil bereit, sein 3.000 m² großes Grundstück an der Zick-Zack-Promenade 8 zu verkaufen. Damals stand an dieser Stelle eine über hundert Jahre alte Scheune, die als Lager diente. Auf dem gesamten Gelände hatte früher ursprünglich ein Gemüsegroßhandel gearbeitet. Ende desselben Jahres wurde der Kaufvertrag abgeschlossen, der das Grundstück mit Wirkung vom 01.01.1982 an die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten überschrieb. Damit war jener Schritt getan, der über Jahrzehnte hinweg nicht zustande gekommen war.

Das Gemeindeleben in der Unteren Badergasse ging allerdings zunächst weiter wie zuvor. Man veranstaltete Evangelisationen, versammelte sich regelmäßig und erhielt 1982 sogar – unabhängig voneinander – Besuch aus der Sowjetunion, aus Mosambik und Jugoslawien. Doch neben allen Gemeindeveranstaltungen und -ereignissen geriet unterschwellig etwas in Bewegung, was die Mitglieder der Gemeinde über die folgenden Jahre hinweg stark in Anspruch nehmen sollte.

Der letzte Gottesdienst in der Unteren Badergasse 3. © Wolfgang Weidauer
Der letzte Gottesdienst in der Unteren Badergasse 3. © Wolfgang Weidauer

Der Kapellenbau wurde aktuell. Ab dem Jahr 1982 liefen die Vorbereitungen an. Die Scheune sollte abgerissen werden, um Platz zu gewinnen. Bevor dies geschehen konnte, mussten allerdings andere Fragen geklärt werden. Ein bergbauliches Gutachten war nötig, um das Bauprojekt im untertunnelten Erzgebirge nicht zu gefährden. Das Ergebnis war positiv. Der Untergrund war fest und der nächste Stollen zumindest nicht direkt unterm Bauplatz. Des Weiteren musste das Grundstück vorbereitet und die Scheune abrissfertig gemacht werden. Auch die Baumaterialbeschaffung lief allmählich an. Bis Anfang 1983 wurden schon die ersten fünf Lastzüge Ziegelsteine und reichlich 3 m³ Bretter eingelagert. Bauholz wurde in den Erzgebirgswäldern selbst eingeschlagen, abtransportiert und mitunter auch im Sägewerk geschnitten. So richtig los ging es dann jedoch Anfang 1984, als man anfing, sonntags reguläre Arbeitseinsätze durchzuführen. Es gab drei eingeteilte Gruppen von Gemeindegliedern, die sich an den Sonntagen abwechselten. Zudem waren dienstags nach Feierabend vier Teams abwechselnd im Einsatz. In den folgenden Wochen richtete man im benachbarten Wohnhaus Quartiere und eine Küche für die kircheninterne Baubrigade ein, die einen wesentlichen Teil der bevorstehenden Bauarbeiten leisten sollte. Geleitet wurde diese von Günther Vorsatz, der nach seiner Einberufung zur NVA von Ralf Mayer vertreten wurde.

Bauarbeiten vor dem Haupteingang des neuen Gemeindezentrums. © Wolfgang Weidauer
Bauarbeiten vor dem Haupteingang des neuen Gemeindezentrums. © Wolfgang Weidauer

Am 1. April schließlich begann der Abriss der Scheune, „deren Wände an die Mauern von Jericho erinnerten. In unserem Fall reichte es allerdings nicht aus, das Gemäuer durch Posaunenschall zum Einsturz zu bringen.“ 45 Viele freiwillige Helfer und die Technik der LPG Mildenau46 beteiligten sich deshalb an diesem Projekt, so dass der Abriss nach nur vier Wochen abgeschlossen war. Ein Balken der alten Scheune wurde von dem Holzbildhauer Klaus Gieße in mühsamer Arbeit in ein rustikales Kreuz verwandelt, das später die Bühnenwand des Saals schmücken sollte.

Ein Teil der Scheunenmauer wurde in den folgenden Jahren in Form von Stützmauern auf dem Gelände verbaut. Neben dem Bauen widmete sich die Gemeinde selbstverständlich weiterhin dem regulären Gemeindeleben und an Tagen wie zum Beispiel dem 16.06.1984 auch den besonderen Dingen – in diesem Fall dem 50-jährigen Jubiläum des Bläserchors. Im Fokus der gemeindeinternen Geschichtsschreibung dieser Jahre wird allerdings der Bau des vom Dresdner Projektanten Andreas Friedrich47 entworfenen Gemeindezentrums bleiben.

Herausforderung und Gebetserhörung

Die Bauarbeiten gingen gut voran. Die kurzfristige Anlieferung von 2.000 Schwerbetonsteinen, die nur eine Woche zuvor bestellt worden waren, kann unter DDR-Verhältnissen nur als Wunder betrachtet werden. „Es ist nicht anders zu erklären, als dass die BHG die Bestellliste von unten nach oben bearbeitet.“ 48 Nachdem ca. 700 m³ Erde beseitigt waren und Mitte Juni der erste Beton ins Fundament eingebracht war, wurde am 26. Juni der erste Stein gesetzt. Die Mauern wuchsen und in einer Tagesaktion karrten einige Männer im Regen 50 Tonnen Splitt und Steine in den Kellerraum. Immer wieder erlebten die Bauarbeiter Gottes Hilfe. Für die Abholung der Kellerdecke beispielsweise konnten kurzfristig fünf Fahrzeuge, davon drei mit einer Mindestlänge von sechs Metern, und ein Autokran besorgt werden, was selbst manchem volkseigenen Betrieb schwergefallen wäre. Außerdem wurde der Boden durch den Frost über Nacht gefestigt, so dass die Kellerdecke gerade noch rechtzeitig aufgelegt werden konnte. Ein trauriger Zwischenfall des Jahres 1984 war der Tod der Bauköchin Hannel Richter, die bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Sie hatte in der ersten Bauphase wesentlichen Anteil an der Versorgung der sonntäglichen Bauhelfer. Andere Helferinnen der Adventgemeinden Annaberg und Ehrenfriedersdorf wechselten sich regelmäßig in ihrem Dienst ab. Wochentags wurde die Baubrigade von Maria Krause versorgt.

Die Bauarbeiten gingen weiter, so dass am 1. September 1985 Richtfest gefeiert werden konnte. Über all die Jahre hinweg war die LPG Mildenau mit ihren Fahrzeugen für den Bau unentbehrlich. Häufig gab es bei der Nutzung terminliche Überschneidungen von Landwirtschaft und Gemeindebau, die nicht nur einmal durch die Wetterbedingungen geklärt werden konnten. Die Gemeinde wurde immer wieder zum Gebet motiviert und erlebte die Auswirkungen handfest im Baugeschehen. Roland Neubert, der in Mildenau als Feldbaubrigadier arbeitete, vermittelte und koordinierte gewissenhaft die Zusammenarbeit mit der LPG. Als Gegenzug für deren Unterstützung trafen sich jährlich bis zu 67 freiwillige Helfer zum „Steinelesen“ auf den Feldern der LPG Mildenau. Überhaupt war die Einsatzbereitschaft vieler Leute sehr groß. Stetige Hilfe kam beim Kapellenbau zum einen aus der Nachbarschaft, von den Mitgliedern der Gemeinde, aber auch von Gruppen aus dem ganzen Gemeindebezirk und von ferneren Orten. An manchen Wochenenden reisten bis zu 40 Helfer aus verschiedenen Orten an und leisteten pro Jahr bis zu 6.000 Stunden ehrenamtliche Arbeit, gemäß ihrem Motto: „Wer hat den Sonntag am Besten verbracht? – Der am Bau in Annaberg mitgemacht.“ 49 Auch private Handwerksbetriebe und das Kreisbauamt förderten das Vorankommen. Finanzielle und materielle Unterstützung kam in manchen Fällen sogar aus dem Ausland.

Gemeindeglieder beim "Steinelesen" auf den Feldern der LPG. © Wolfgang Weidauer
Gemeindeglieder beim "Steinelesen" auf den Feldern der LPG. © Wolfgang Weidauer

Häufig blieb die rechtzeitige Lieferung von Materialien oder Transportmitteln spannend bis zur letzten Minute. An jenem Tag beispielsweise, an dem die Deckenbalken des Erdgeschosses verlegt werden sollten, kam am Nachmittag die Nachricht, dass der Kran kaputt sei. Ein Helfer, der just in diesem Moment auf der Baustelle erschien, suchte gleich seinen ehemaligen Betrieb auf und eine halbe Stunde später fuhr der benötigte Kran vor – in damaliger Zeit keine Selbstverständlichkeit. Für die Errichtung des Ringankers um den Gemeindesaal sollte an einem Sonntagmorgen der erste Fertigbeton geliefert werden. Tatsächlich kam er dann erst am frühen Nachmittag. Gegen 22 Uhr waren dann dennoch rechtzeitig die 18 m³ Beton in die Schalung geschippt. Am 11. November 1985 wurden in rascher Arbeit an einem Tag alle Fenster eingesetzt. Schon am nächsten Tag fiel der erste Schnee und ein kalter Nordwind brachte Minusgrade – aber der Innenausbau konnte weitergehen.

Fertigstellung und Einweihung

Neben dem Neubau galt es auch das Wohnhaus instand zu setzen und Wohnungen auszubauen. Als im Sommer 1986 endlich die Predigerfamilie Krause auf das neue Grundstück ziehen konnte, war diesbezüglich ein großer Schritt getan. Für die freiwilligen Helfer der Region schüttete eine „Bautombola“ im Januar 1987 insgesamt 200 Preise aus. Der Hauptpreis war eine 14-tägige Urlaubsreise für zwei Personen in eines der adventistischen Erholungsheime. Manch andere Dinge waren geplant, wurden aber nie verwirklicht. Im Jahre 1987 zum Beispiel war noch der Einbau einer Orgel im Saal vorgesehen. Der spätere Gedanke, eine Empore nachzurüsten, wurde ebenfalls wieder fallengelassen. Der Wunsch, mit dem Gemeindezentrum in Annaberg einen Bibelwochenstandort zu errichten, ging dagegen in Erfüllung. Aus diesem Grund wurden im Obergeschoss Gästezimmer, Toiletten sowie Waschräume und im Erdgeschoss eine geräumige Küche sowie ein Speisesaal eingebaut. Um den umfangreichen Gästebetrieb und den Erhalt des Neubaus zu gewährleisten, wurde schon bald ein Hausmeister benötigt. Im Oktober 1987 zog Peter Schneider mit seiner Familie auf das Grundstück, um mit seiner Frau Christa diesen Dienst zunächst ehrenamtlich und später hauptamtlich auszuüben. Für alle Beteiligten des Baugeschehens gab es während der ganzen Bauzeit immer wieder Grund zur Dankbarkeit. Die zahlreichen kleinen Arbeitsunfälle hatten nie schwere Folgen. Die meisten Arbeiten konnten erfolgreich in Eigenleistung erbracht werden. Alle Materialien und Fahrzeuge, die benötigt wurden, konnten unabhängig von der Wirtschaftssituation beschafft werden. Selbst ein Brand im Kohlenbunker, zu dem im Juni 1988 die Feuerwehr anrücken musste, richtete keinen großen Schaden an. Es mussten im Nachhinein lediglich die verbliebenen 12 Tonnen Kohle umgelagert werden. Viele weitere Arbeiten wurden verrichtet und Erfahrungen gemacht, bis sich das Haus zunehmend seiner Vollendung näherte. Ein besonderer Tag war der 6. August 1988. An diesem Tag fand die erste gottesdienstliche Veranstaltung im neuen Gemeindezentrum statt: Kerstin Herrmann und Dietmar Meichsner gaben sich das Ja-Wort. Eine Woche später folgten Ralf Mayer und Anja Pierschel. Nach einigen weiteren anspannenden Arbeitswochen rückte das Finale des Baugeschehens schließlich in greifbare Nähe. Am 7. September wurde eine besondere Dankesfeier für alle Bauschaffenden veranstaltet. Drei Tage später, am 10. September 1988, fand der letzte Gottesdienst im Gemeindesaal der Unteren Badergasse 3 statt. Am Nachmittag wurde eine große Einladungsaktion für die Einweihung des Hauses durchgeführt, bei der etwa 50 Personen 800 Einladungen unter die Leute brachten. Eine Woche später war schließlich der langersehnte Tag gekommen. Im Rahmen einer aufwendig geplanten Festwoche wurde das vier Jahre währende Bauprojekt beendet, eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben. Den Anfang machte am Samstag, dem 17. September 1988, ein großer Einweihungsgottesdienst, bei dem ca. 350 Besucher zugegen waren. Gäste vom „Rat der Stadt“, dem „Rat des Kreises“ und verschiedene Kirchenvertreter erlebten zusammen mit allen anderen die Schlüsselübergabe des Architekten an den Gemeindeältesten Klaus Goll und die Einweihung des Hauses.

© Wolfgang Weidauer
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Am Tag danach fand auf dem Gelände ein großer Afrika-Basar statt, dessen Erlös von 11.000 Mark für Notleidende in Angola bestimmt war. Verkauft wurden Artikel aller Art, mit Ausnahme von Textilien und Schuhen. „Verkaufsstände, Blasmusik und Kuchenverkauf ließen Volksfeststimmung aufkommen.“ 50 In der anschließenden Woche lösten verschiedene andere Veranstaltungen einander ab. Neben einem Liederabend, einem medizinischen Vortrag und einer Jugendveranstaltung berichteten junge Christen aus Angola, Mosambik und der Sowjetunion aus ihren Herkunftsländern. Am folgenden Samstag fand ein festlicher Erntedankgottesdienst statt. Abgerundet wurde diese Woche des Feierns am Sonntag, dem 25.09.1988, mit einem Kinderfest. Etwa 60 Kinder nahmen die Einladung an. Zur gleichen Zeit begann Gabriele Riegel ein freiwilliges missionarisches Jahr in Annaberg und baute in dieser Zeit eine stabile Kindergruppe auf, deren Teilnehmer nur in der Minderheit aus gemeindeeigenem Nachwuchs hervorgingen. Wöchentlich fanden Veranstaltungen für sie statt.

Neues Leben einer alten Gemeinde

Die Zeit nach der Fertigstellung des Hauses war von verschiedensten Veranstaltungen und Nutzungen der Räumlichkeiten geprägt. Unmittelbar nach der Eröffnung strömten die Gästegruppen in das neue Objekt. Für die kulinarische Versorgung der Gäste sorgte in den ersten Jahren die Pastorenfrau Maria Krause und für die Organisation und Gästebetreuung ihr Mann Wilfried. Zusammen mit dem Hausmeisterehepaar Peter und Christa Schneider und vielen anderen freiwilligen Helfern konnte über Jahre hinweg ein aktiver Gästebetrieb aufrechterhalten werden. Einige Beispiele der Hausnutzungen sollen hier genannt werden: Bläserrüstzeiten, Sing- und Musizierwochen, Gemeindeausflüge und -urlaube, Treffen ehemaliger Alkoholiker, Familientreffen, Einzelgäste, Tagungen der MDV51 und des NDV52, Bibelwochen/Rüstzeiten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Schulklassen auf Klassenfahrt, christliche Vereine, Jugendgruppen, ausländische Gruppen und vieles mehr. In Spitzenzeiten gab es über 3.800 Übernachtungen pro Jahr. Gäste aus über 30 Nationen besuchten in den zurückliegenden Jahren das Gemeindezentrum. Diese kamen zum Beispiel aus der Sowjetunion, Tschechoslowakei, Ukraine und der Schweiz, aus den Niederlanden und den USA, aus Polen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Kroatien, Albanien, Österreich, England, Italien; aus Ägypten, Äthiopien, Angola, Mosambik, Kenia, Nigeria, Ruanda, Tansania, Uganda, Israel, Indien, Honkong, aus dem Irak und Iran sowie anderen Staaten.

Kinder und Jugendliche der Gemeinde beim Erntedankfest. © Wolfgang Weidauer
Kinder und Jugendliche der Gemeinde beim Erntedankfest. © Wolfgang Weidauer

Auch die ansässige Gemeinde selbst begann das Haus rege zu nutzen. Es wurden Filmvorführungen mit bis zu 190 verkauften Karten angeboten, Dank- und Lobgottesdienste durchgeführt, Evangelisationen veranstaltet und natürlich das fortwährende Gemeindeleben gepflegt. Dies geschah durch regelmäßige und auch außergewöhnliche Gottesdienste, Gebetsversammlungen, Hauskreise und Musikproben. Man stellte fest, dass das neue Haus viel Potential barg und die Adventgemeinde in Annaberg bekannter machte. Die Gemeinde nahm auch mehr am öffentlichen Leben teil. Jeweils ein Vertreter wurde beispielsweise im Januar 1990 an den „Runden Tisch“ des Kreises und der Stadt entsandt, an dem mit Repräsentanten der politischen Parteien, des Neuen Forums, der Kirchen und der Kommune die Geschicke der Stadt beraten wurden. Auch die Teilnahme am überkonfessionellen Gebet für das Land war selbstverständlich. Die Adventgemeinde hatte ihren Platz im geistlichen und politischen Geschehen der Wendezeit gefunden. Des Weiteren bemühte man sich um eine verbesserte Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinde. Der Tatendrang führte zur Planung einer christlichen Buchhandlung im angrenzenden Wohnhaus und ähnlichen Ideen, die dann aus verschiedenen Gründen nicht umgesetzt wurden. Auch der Blick hinaus aus der DDR gewann nach dem Mauerfall eine neue Qualität. Die Annaberger Gemeinde begann sich um eine rumänische Partnergemeinde zu bemühen und ähnliches. Am 2. Januar 1990 starteten drei Deutrans-Lastzüge mit Lebensmitteln und Kleidung beladen nach Rumänien. Der Spendenaufruf ging vom Neuen Forum, der evangelischen Kirche und der Adventgemeinde aus. Klaus Goll begleitete den ersten Lastzug, der, wie auch die beiden anderen, Adventgemeinden in Rumänien als Verteilstationen ansteuerte. Von dort aus wurden die Hilfsgüter an Menschen der jeweiligen Gegenden verteilt. Viele andere Hilfstransporte nach Osteuropa folgten in den späteren Jahren, bei denen auf verschiedene Weise Annaberger Adventisten beteiligt sein durften. Eine etwas andere Bewegung setzte Anfang der 90er-Jahre aus dem „Westen“ ein, indem die Gemeindeglieder im „Osten“ mit Zeitschriften, Büchern und anderen Gütern überflutet wurden. Unsere Gemeinde gab dagegen einige Mitglieder gen Westen ab.

Platz in der Gesellschaft

Eine Neuerung, von der die Kinder und Jugendlichen ergriffen wurden, war ab 1990 die Pfadfinderarbeit. Am 7. Mai 1990 gab Stefan Gelke, damals noch wohnhaft in Zschopau, einen ersten Einblick in diese Arbeit. Hans-Jürgen Dienelt leitete mit Hilfe von Henry Wätzig und Thomas Krause die neugegründete Gruppe namens „Salomons Siegel“. Über mehr als zehn Jahre hinweg führte diese Gruppe Zeltlager, Orientierungsläufe, Pfadfindergottesdienste, Ausbildungen und vieles andere durch. Eine weitere Chance in Sachen Öffentlichkeitsarbeit wusste man zum Beispiel im Juni 1990 zu nutzen, indem die Gemeinde eine „Woche der Begegnung“ durchführte, zu der sie alle Bürger des Wohnbezirks 12 53 und der Stadt eingeladen hatte. Höhepunkte dieser Festwoche waren der Auftritt eines Handglockenchors aus den USA, eine Galerie mit Malereien geistig Behinderter, ein gemeinsamer Seniorennachmittag mit 40 Mitgliedern eines bayrischen Seniorenklubs, der medizinische Vortrag eines Chefarztes und ein überkonfessioneller Lobpreisabend, zu dem alle Kirchen der Stadt eingeladen waren, ein 12-minütiges Programm zum Thema „Gemeinsam Gott loben“ beizutragen.

Konzert mit einem amerikanischen Handglockenchor im Jahr 1990. © Wolfgang Weidauer
Konzert mit einem amerikanischen Handglockenchor im Jahr 1990. © Wolfgang Weidauer

Ab 1991 war für ca. drei Jahre ein Institut für Informationsmanagement im neuen Gemeindehaus Untermieter, welches Umschulungs- und Fortbildungsmaßnahmen für Arbeitslose durchführte. Zu diesem Zweck war im heutigen Jugendraum ein Computer-Kabinett eingerichtet worden. Die Gemeinde übernahm jeweils die Pausenversorgung und durfte sich zu Beginn eines neuen Lehrgangs den Teilnehmern vorstellen. Höhepunkte im Gemeindeleben Anfang der 90er-Jahre waren unter anderem gemeinsame Ausflüge, eine Zeltwoche der Jugend in der ČSFR, die Entstehung eines Mütter-Kinder-Kreises im Jahre 1991, Kinderfeste, Jugendveranstaltungen54, ein Besuch von 30 Kindern aus Tschernobyl, Konzerte, Talentenachmittage, ein evangelischer Allianztag im Waldschlösschenpark, Mitwirkung beim Jahr der Bibel 1992 und ein Hilfstransport nach Cluj und Mediaş in Rumänien. Doch auch Herausforderungen waren zu bewältigen. Beispielsweise verloren nach der Wiedervereinigung Deutschlands einige Gemeindeglieder ihren Arbeitsplatz. Zum anderen mussten immer wieder Einbrüche ins neue Gemeindehaus angezeigt werden. Vor allem ging es dabei um Lebensmitteldiebstähle, später aber auch um den Verlust technischer Geräte. Zeitweise wurde fast wöchentlich der Schaukasten am Michaelisstollen beschädigt, weshalb er später wieder entfernt werden musste. Mehrere Glasschäden entstanden durch Fensterwürfe mit Bierflaschen. In späteren Jahren nahm die Zahl der Delikte ab. Gänzlich verschont blieb die Gemeinde aber nie, was innerhalb der letzten zehn Jahre durch mehrere Diebstähle oder den Einsatz eines Molotowcocktails am unteren Eingang deutlich wurde.

Eine der größten christlichen Evangelisationen der letzten Jahrzehnte in Annaberg fand wahrscheinlich im Jahre 1994 statt, als vom 18.09. bis zum 01.10. „Zelt ´94“ auf dem Kätplatz durchgeführt wurde. In einem 2.300-Mann-Zelt gestaltete die Deutsche Zeltmission zusammen mit der Evangelischen Allianz Annaberg-Buchholz – und somit auch mit der Adventgemeinde – tägliche Abendveranstaltungen für durchschnittlich 1.300 Besucher. Bei einem Konzertabend waren 1.800 Besucher anwesend. Rund ums Zelt gab es verschiedene Angebote und täglich fanden Kinder- und Schülernachmittage statt.

Ein Jahr später wurden die bisherigen Bezirksgottesdienste erstmalig zu einem Regionalbezirksgottesdienst mit den Bezirken Thalheim und Marienberg erweitert. Ein mehrtägiger Gemeindeurlaub in Tannenlohe (Oberpfalz) war ein weiterer Höhepunkt des Jahres. Ein besonderes Erlebnis für die Jugendlichen stellte die 500-Jahr-Feier der Stadt Annaberg im August 1996 dar. In historischen Kostümen durften sie das alte „Böhmische Tor“ bewachen. 18 Dudelsackbläser bezogen im Rahmen der Festlichkeiten in unserem Haus Quartier.

Entwicklungen nach der Wende

Das evangelistische Engagement der Gemeinde ließ nicht nach – nahm aber andere Formen an als in den Jahrzehnten zuvor. Neben den Programmen für die Kinder und Jugendlichen wuchs auch ein stetiges Angebot für Frauen. Ein Frauen-Hauskreis entstand, es wurden Frauenevangelisationen und seit 2005 dann ein monatliches Frauenfrühstück durchgeführt. Die Verbreitung von Satellitentechnik ermöglichte schließlich auch der Adventgemeinde Annaberg, an nationalen und internationalen Großveranstaltungen teilzunehmen. Zu nennen wären hier die Net-Evangelisationen55, Link2Life 56, ProChrist 57, JesusHouse 58 und diverse Gottesdienste. Weitere öffentlichkeitswirksame Angebote waren zum Beispiel die Offenen Abende von 2000 bis 2001, bei denen Referenten wie Fritz Hähle (Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion), Johannes Hartlapp (Dozent für Kirchengeschichte) oder Jürgen Stabe (Superintendent i. R.) zu Gast waren. Die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit hatte sich seit der Bauzeit positiv entwickelt. Innergemeindlich gab es allerdings immer wieder die ein oder andere Herausforderung. Zwei Defizite des Gemeindelebens, welche durch einen NGE-Gemeindetest im Jahr 1998 deutlich wurden, waren die Bereiche „gabenorientierte Mitarbeiterschaft“ und „liebevolle Beziehungen“. Daran galt es immer wieder zu arbeiten. Viele Gemeindeereignisse ließen dieses Ergebnis allerdings immer wieder in den Hintergrund treten. Landesweite Fußballturniere der Jugend und der Pfadfinder in der Silberlandhalle, Sommergottesdienste am Pöhlberg, in Dörfel, am Scheibenberg oder in Erfenschlag und Gemeindeausflüge in den Spreewald, nach Zandov oder Jáchymov (Tschechien) brannten sich tief in die Erinnerungen vieler ein.

Gemeindeausfahrt in den Spreewald im Mai 1990. © Lisa Höbler
Gemeindeausfahrt in den Spreewald im Mai 1990. © Lisa Höbler

Als bedeutende Ereignisse für den Gästebetrieb der Gemeinde dürfen die vier jeweils einmonatigen Aufenthalte von ukrainischen Kindern nicht vergessen werden. In den Jahren 2001 bis 2004 konnten durch dieses spendenfinanzierte Projekt jeweils bis zu 40 Kinder und 7 Erwachsene eine erlebnisreiche Zeit in Deutschland genießen. Die durchschnittlich benötigten 15.000 EUR und jede Menge materielle Unterstützung kamen von vielen Spendern aus Annaberg und darüber hinaus. Viele der Kinder aus den Regionen Sumy, Poltawa und Kiew werden diese Zeit noch lange in Erinnerung behalten. Zur Zeit dieser Projekte hatte sich die Gästeversorgung im Gemeindezentrum allerdings schon grundlegend verändert. Als Mitte der 90er-Jahre aus wirtschaftlichen und strukturellen Gründen die konfessionsinterne Nutzung des Hauses zurückging, kamen die ersten finanziellen Schwierigkeiten auf. Peter Schneider hatte ab 1997 nur noch eine halbe Stelle als Heimleiter in Annaberg und die anderen 50% im „Waldpark“ (Hohenfichte). Beide Teilstellen fielen Anfang 2000 gänzlich weg. Christa Schneider, die seit 1992 zusätzlich als Köchin fungierte, übernahm dann die Gesamtleitung des Herbergsbetriebes – allerdings nur noch bis zum Frühjahr 2003. Danach wurde der Herbergsbetrieb in der bisherigen Form eingestellt und fand fortan im Wesentlichen nur noch in Selbstversorgung statt. Eine Ferienwohnung, die in den 90er-Jahren gebaut und im Jahr 2000 durch eine neue im Erdgeschoss des Wohnhauses ersetzt wurde, bot aber auch weiterhin gern genutzte Übernachtungsmöglichkeiten. Die anfallenden Arbeiten der Gemeinde und des Gästebereiches wurden seitdem ehrenamtlich oder gegen eine geringe Vergütung geleistet. Leer stand das Haus trotz allem nur selten. Viele wussten es in den zurückliegenden Jahren sinnvoll zu nutzen und auch die Gemeinde selbst wird hoffentlich nie aufhören, nach Wegen und Möglichkeiten zu suchen, um der Bestimmung des Hauses und der Gemeinde gerecht zu werden: eine „Stätte der Begegnung und Anbetung“ zu sein, die für jeden offen ist.59

45 Gemeindezeitschrift Adventgemeinde (Juli 1984), S. 7-8

 

46 Die LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) stellte innerhalb der DDR einen Zusammenschluss von Bauern und agrarischen Produzenten dar.

 

47 Ursprünglich wurde die Arbeit von dem Architekten Junghans begonnen, der dann allerdings in die BRD ausreiste. Andreas Friedrich setzte dessen Arbeit fort.

 

48 Bauchronik von Wilfried Krause (10.05.1984)

 

49 Bauchronik von Wilfried Krause (17.03.1985)

 

50 Gemeindezeitschrift Adventgemeinde (Dezember 1988), S. 6

 

51 Die Mitteldeutsche Vereinigung (MDV) war das regionale Kirchenverwaltungsgebiet der Adventgemeinden in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Mittlerweile ist sie zusammen mit den Adventgemeinden in Brandenburg und Berlin Teil der Berlin-Mitteldeutschen Vereinigung (BMV).

 

52 Der Norddeutsche Verband (NDV) ist ein Zusammenschluss der norddeutschen Vereinigungen der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten und somit die übergeordnete Dienststelle der MDV.

 

53 Die Stadt Annaberg-Buchholz war in Wohnbezirke unterteilt. Der Wohnbezirk 12 war der Bezirk in dem sich unser Grundstück befindet.

 

54 Zu nennen wäre hier beispielsweise eine gemeinsame Weihnachtsfeier mit 22 Asylbewerbern im Jahr 1991.

 

55 Die Gemeinde nahm an den adventistischen Veranstaltungen Net `98, Net `99, Net 2001 und Net 2003 teil.

 

56 Die adventistischen Jugendveranstaltungen Link2Life wurden mehrmals im kleinen Rahmen angeboten.

 

57 ProChrist wurde mit den anderen Kirchen der Stadt 2003 und 2006 in der Silberlandhalle mit bis zu 1.300 Besuchern pro Abend und 2009 in den Räumen der Adventgemeinde durchgeführt.

 

58 JesusHouse wurde mit den anderen städtischen Jugendgruppen bisher 2000 (im Unteren Bahnhof), 2004 (im alten Stadtbad) und 2007 (in der Bergkirche) angeboten.

 

59 Bauchronik von Wilfried Krause, S. 46


6. Verschiedenes

An dieser Stelle soll noch einmal zeitübergreifend ein Blick auf verschiedene Aspekte unserer Geschichte geworfen werden.

Tochtergemeinden

Nachdem die Adventgemeinde in Annaberg von Zwönitz aus gegründet worden war, wuchs sie schnell und fing ihrerseits an, in anderen Orten des Erzgebirges zu evangelisieren. Immer wieder nahmen Gemeindeglieder weite Wege auf sich, um Menschen mit dem Evangelium zu erreichen. Wenn sich jemand bekehrte, wurde diese Person zunächst Mitglied der Annaberger Gemeinde, bis in ihrem Ort einige zusammenkamen, die eine eigene Gemeinde gründen konnten. Auf diese Weise wurde die Gemeinde in Annaberg zur Muttergemeinde des ganzen Oberen Erzgebirges. Im Laufe der Zeit entstanden von Annaberg aus Adventgemeinden in Marienberg (seit 1916), Ehrenfriedersdorf (seit 1921), Geyer (1924-1991), Neundorf (1925-1993), Neudorf (1928-1991) und Crottendorf (1933-1989). Auch an der Entstehung der Gemeinden Thum, Gelenau und Großolbersdorf waren maßgeblich zwei Frauen der Annaberger Gemeinde beteiligt. Weitere evangelistische Erfolge konnten in Hilmersdorf, Wünschendorf, Lauterbach, Großrückerswalde und Scheibenberg verzeichnet werden.60 All diese Gruppen und Gemeinden hatten viele Jahre des Wachstums. Leider existieren einige von ihnen heute nicht mehr, sondern sind wegen Überalterung aufgelöst und in andere Gemeinden eingegliedert worden. In Marienberg, Ehrenfriedersdorf, Gelenau, Großolbersdorf und Wünschendorf gibt es aber nach wie vor Adventgemeinden.

Musik in der Gemeinde

Musik war in all den Jahren aus dem Gemeindeleben nicht wegzudenken. Schon in den ersten Jahren wurde gemeinsam musiziert. In der Zeit zwischen den Weltkriegen begann die Jugend vierteljährlich Jugendfeste durchzuführen. Bei diesen Festen wurde viel gesungen und Mandoline, Geige sowie Gitarre gespielt. Nach den Jugendfesten kam die Jugend in der Regel abends bei Weigels zusammen und machte häufig bis Mitternacht Musik. An den Sabbatnachmittagen wurde geübt und abwechselnd Sing- und Musikstunden veranstaltet. Es entstand eine Mandolinengruppe, die sich regelmäßig traf. Diese trat zum Beispiel bei den Erntedankgottesdiensten und anderen Anlässen auf. Einmal pro Woche kamen bei Weigels Leute aus der Gemeinde zusammen und machten gemeinsam Hausmusik. Die Musik diente auch von Anfang an evangelistischen Zwecken. Die Jugendlichen wurden in der Liedmission aktiv, bei der sie öffentlich christliche Lieder sangen. Da das Singen von Volksliedern und Gesang im Allgemeinen damals gesellschaftlich verbreitet war, stieß diese Art der Mission auf Anklang. Im Frühjahr 1933 plante Emil Löser, begeisterter Tenorhornbläser, mit weiteren 13 Personen in Annaberg einen Posaunenchor, welcher ab 1934 anfing, an den Sabbatnachmittagen zu proben. Diese Gruppe spielte bei besonderen Gottesdiensten, aber vor allem auch zu missionarischen Zwecken im Zuge der Liedmission. Die Tradition christlicher Posaunenchöre war in einer Zeit der Propagierung „deutscher Blasmusik“ durchaus erfolgversprechend.

Paul Breitfeld, Kurt Pollmer, Heinz Wagler, Erich Hackenberg, Artur Weichert und Walter Hackenberg (von links) im Jahr 1934. © Inge & Siegfried Steller
Paul Breitfeld, Kurt Pollmer, Heinz Wagler, Erich Hackenberg, Artur Weichert und Walter Hackenberg (von links) im Jahr 1934. © Inge & Siegfried Steller

Bis heute ist der Posaunenchor aktiv und spielt zu zahlreichen Anlässen, beispielsweise in Gottesdiensten, Pflegeheimen, bei Evangelisationen, überkonfessionellen Veranstaltungen und einige Bläser auch regelmäßig bei erzgebirgischen Kultur und Traditionsveranstaltungen.

In den Gottesdiensten wurde der Gemeindegesang über lange Zeit hinweg mit einem Harmonium begleitet, das von verschiedenen Personen gespielt wurde. Später kam zum Harmonium noch ein Klavier hinzu. Ende der 80er-Jahre wurde das Harmonium zunächst durch ein Keyboard abgelöst, bis 1993 eine Computerorgel der Firma Ahlborn für insgesamt 21.950,- DM angeschafft wurde. 7.000,- DM wurden von der damaligen Sächsischen Vereinigung beigesteuert. Bis heute ist diese Orgel vorrangiges Begleitinstrument unserer Gottesdienste, was allerdings nicht ohne die langjährige Organistin Angela Meyer denkbar wäre. Immer wieder wurden viele Gottesdienste auch durch andere populäre oder klassische Instrumente bereichert. Die musikalischen Höhepunkte bilden seit langem die Festgottesdienste unserer Gemeinde. Von den ersten Bezirksgottesdiensten bis zum diesjährigen Jubiläumsgottesdienst wurde an solchen Tagen immer ein Programm verschiedenster musikalischer Beiträge aufgeboten. Früher gab es ein Bezirksorchester, einen Bezirkschor, einen Gemeindechor, einen Frauen-, Männer-, Jugend- und Kinderchor sowie viele Instrumentalisten, die solistisch und gelegentlich auch gemeinsam musizierten. Dabei wirkten die umliegenden Gemeinden häufig zusammen. Bis heute hat sich die musikalische Verbindung mit der Gemeinde Ehrenfriedersdorf gehalten, mit welcher der gemeinsamer Bläserchor besteht und manchmal verschiedene Chorprojekte durchgeführt werden. Ebenso treffen sich die Jugendlichen beider Gemeinden gelegentlich zum gemeinsamen Musizieren. Konzerte wurden ebenfalls veranstaltet. Neben den gemeindeeigenen Musikern wären beispielsweise der amerikanische Handglockenchor, das Harmony Quartet, Sören und Bettina Kahl, Jörg Zacharias mit seiner Band, die Panflötisten Cornel Pana und Pan Bogdan und der Afrikanische Kinderchor zu nennen. Etliche Chöre und Musikensembles sangen und spielten in unseren Veranstaltungen und nicht nur einmal wurden zu Bezirksgottesdiensten ganze Orchesterwerke aufgeführt. Schon lange wird jedoch auch diskutiert, welche Musik sich für den Gottesdienst eigne. Schon aus den 60er-Jahren ist bekannt, dass dieses Thema in Gemeindestunden debattiert wurde. Damals kam man zu dem Schluss, dass diese Frage kaum pauschal entschieden werden könne. Man müsse die Musik und ihren Inhalt im Zusammenhang sehen. Diese jahrhundertealte Diskussion wird uns vermutlich auch weiterhin begleiten.

Beziehung zu anderen Kirchen

Das Verhältnis der Adventgemeinde zu den anderen Kirchen in Annaberg-Buchholz gestaltete sich im Laufe der Geschichte unterschiedlich. In den ersten Jahrzehnten bestand zwischen den Kirchen eine gegenseitige Ablehnung und Konkurrenz. Von Seiten der Adventgemeinde gab es klare theologische Vorbehalte gegenüber anderen Christen, was auch in den Predigten deutlich wurde. Wer sich der Adventgemeinde anschloss, trat zugleich aus einer anderen Kirche aus. Dies und auch die Lehrmeinungen der Adventisten stießen bei Pfarrern und Kirchenvorständen anderer Konfessionen auf Ablehnung. Die Beziehung zueinander gestaltete sich so, dass man jeweils vor der anderen Gemeinde warnte. Da die lutherische Gemeinde von Annaberg der Adventgemeinde an Einfluss und Mitgliederzahl haushoch überlegen war, hatte diese Ablehnungshaltung mitunter auch rechtliche Nachteile für die Adventisten in Annaberg. Die Adventgemeinde war in ihrem Glaubensvollzug nicht staatlich anerkannt und die Großkirchen trugen ihren Teil dazu bei, dass dies jahrelang so blieb. Massive staatliche Einschränkungen waren somit die Folge, wie in Kapitel 2 und 3 nachgelesen werden kann. Insbesondere die Zeit bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges war in dieser Hinsicht kennzeichnend. Während der Zeit der DDR änderte sich die Situation allerdings zunehmend. Grund für eine etwas andere Wahrnehmung der Christen untereinander war die stark vom Atheismus geprägte Gesellschaft und Politik. Vor diesem Hintergrund merkte man, dass man sich in grundlegenden Glaubensüberzeugungen näherstand als gedacht. Man saß sozusagen „im selben Boot“. Durch Begegnungen bei den Bausoldaten oder im Betrieb merkte man, dass der Kollege oder Nachbar im Unterschied zu vielen anderen ebenfalls ein tiefes und authentisches Glaubensleben pflegte. Ein weiterer Grund war, dass die Adventgemeinde wegen ihres Raumproblems immer wieder in andere kirchliche Räumlichkeiten ausweichen musste und somit von den anderen Christen gewissermaßen abhängig war. Dass dies möglich gemacht wurde, war ein Zugeständnis der anderen Kirchen und relativierte das Verhältnis untereinander nochmals. In der Zeit des Gemeindebaus war die Adventgemeinde dankbar für jede Unterstützung, die von anderen Christen kam – ob nun im privaten oder geschäftlichen Bereich. Dieser Annäherungsprozess verstärkte sich und fand seinen Höhepunkt in der Zeit der politischen Wende. Bei den Gebeten für das Land und den verschiedenen Initiativen waren alle Christen gleichermaßen vertreten. Die Beziehung untereinander wurde freundschaftlicher. Es war zum Beispiel möglich, dass der adventistische Prediger Wilfried Krause eine Ansprache in der evangelischen Kirche St. Annen hielt. Enormen Anteil an der Öffnung der anderen Kirchen gegenüber der Adventgemeinde hatte der damalige Superintendent Jürgen Stabe, der mit uns einen sehr freundlichen Umgang pflegte. Diese Entwicklung ging weiter, so dass 1994 sogar eine erste gemeinsame Evangelisation mit anderen Kirchen möglich war. Auch wenn es nicht immer allen Adventisten leichtfiel, solche Schritte zu befürworten, und auch wenn sich so mancher Christ anderer Konfession dagegen sträubte, zusammen mit Adventisten zu evangelisieren, wurde das Verhältnis untereinander bis heute immer freundschaftlicher. Weitere Evangelisationen wie ProChrist und Jesus House folgten; zudem der „Weltgebetstag der Frauen“, der „Ökumenische Kreuzweg der Jugend“, ökumenische Bibelwochen, Allianzgebetswochen, regionale Kirchentage, Buß- und Bettage, Wächtergebet, Gebetsnächte und vieles mehr.

Die Evangelisation ProChrist 2006 in der Silberlandhalle. © Adventgemeinde Annaberg
Die Evangelisation ProChrist 2006 in der Silberlandhalle. © Adventgemeinde Annaberg

Auch Mitglieder anderer Kirchen besuchten rege viele unserer gemeindeeigenen Veranstaltungen. Manche von ihnen, wie die Karmelmission, Open Doors, den African Children´s Choir oder Sabine Ball erlebten wir dankbar als Verkündiger in unseren Gottesdiensten und Abendveranstaltungen. Andere wiederum, wie das „Offene sozial-christliche Hilfswerk e.V.“, "Mastering Your Life e.V." oder die Pfingstgemeinde, sind froh, unser Haus bei Bedarf nutzen zu können. Das Haus ist also tatsächlich eine „Stätte der Begegnung und Anbetung“ für jeden geworden.61 Theologische Unterschiede und verschiedene Glaubensformen blieben bestehen; aber wie die gemeinsamen Gottesdienst-Hinweisschilder an den Ortseingängen zeigen, hat die Feindschaft unter den Christen, zumindest in Annaberg, ein deutliches Ende gefunden.

Mitgliederentwicklung

Leider sind nicht aus allen Jahren Mitgliederzahlen erhalten geblieben. Mitunter gibt es große Lücken, was die Kurve an manchen Stellen etwas steil erscheinen lässt. Die grundsätzliche Entwicklung ist aber dennoch gut nachzuvollziehen.
Leider sind nicht aus allen Jahren Mitgliederzahlen erhalten geblieben. Mitunter gibt es große Lücken, was die Kurve an manchen Stellen etwas steil erscheinen lässt. Die grundsätzliche Entwicklung ist aber dennoch gut nachzuvollziehen.

Die Entwicklung unserer Mitgliederzahlen verlief z. T. recht gegensätzlich. Nachdem die Gemeinde aus dem Nichts mit wenigen Personen entstanden war, wuchs sie kontinuierlich. Es kamen so viele Menschen aus verschiedenen Orten des Oberen Erzgebirges hinzu, dass in den ersten Jahrzehnten viele neue Gemeinden von Annaberg aus gegründet werden konnten. Trotz der häufigen Mitgliederverluste durch Gemeindeneugründungen wuchs die Annaberger Gemeinde gemäßigt, aber stetig. In den ersten zwanzig Jahren erreichte sie einen Mitgliederstand von 68 Personen. Anfang der 30er-Jahre gab es weiterhin starkes Wachstum. 1932 stieg die Mitgliederzahl innerhalb eines Jahres um 27 Personen, so dass die Hundertergrenze überschritten wurde. Dieser Stand hielt sich in etwa während der Zeit des Nationalsozialismus, bis der Zweite Weltkrieg auch aus Annaberg und Umgebung einige Opfer forderte. Mit Kriegsende und bis in die späten 50er-Jahre hinein gab es allerdings wieder leichtes, kontinuierliches Wachstum, so dass 1958 der vorläufige Höchststand von 117 Gemeindegliedern erreicht wurde. Die folgenden nahezu dreißig Jahre DDR-Zeit waren dann von stetigem Mitgliederschwund mit wenigen Schwankungen gekennzeichnet. Eine Veränderung gab es im Wesentlichen erst durch die Auflösung der Adventgemeinden in Crottendorf, Geyer, Kretscham62 und Neundorf Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre. Die Mitglieder dieser Gemeinden wurden Teil der Adventgemeinde Annaberg, was diese kurzzeitig auf über 120 Mitglieder anwachsen ließ. Seit dieser Zeit ist wiederum ein kontinuierlicher Rückgang ohne besondere Schwankungen zu verzeichnen. Es gab zwar regelmäßig Taufen, aber ebenso Sterbefälle sowie arbeits- und familienbedingte Umzüge. In den einhundert Jahren Gemeindegeschichte kam es zudem immer wieder zu Austritten und Ausschlüssen von Gemeindegliedern. In manchen Zeiten gab es gleich mehrere Gemeindeausschlüsse pro Jahr. Solche Situationen häuften sich allerdings mehr in den ersten Jahrzehnten. Später wurde man diesbezüglich etwas zurückhaltender, wenngleich solche Schritte immer wieder gegangen wurden.

Leiter der Gemeinde

Es gab in der Geschichte der Adventgemeinde Annaberg zumeist mindestens einen zuständigen Pastor, der als Hirte, Hauptverkündiger und Vorsteher der Gemeinde fungierte. Über lange Zeit hinweg war das Obere Erzgebirge so organisiert, dass viele Gemeinden zu einem Bezirk zusammengeschlossen waren, für die ein "Bezirksprediger" eingesetzt war. Dieser hatte seinen Wohnsitz in der Regel in Annaberg, da die Stadt mit den meisten Gemeindegliedern und als historischer Ursprung der umliegenden Gemeinden als Bezirkszentrum betrachtet wurde. Darüber hinaus gab es bis 1993 über lange Zeit hinweg einen zweiten Prediger im Bezirk, der insbesondere für die Adventgemeinde in Geyer, aber auch für die Jugendgruppe in Annaberg zuständig war. An dieser Stelle waren häufig junge, mitunter noch nicht ordinierte Prediger aktiv. Andere Prediger sind den älteren Gemeindegliedern noch bekannt, obwohl sie nicht offiziell im Amt waren. Zu nennen wäre hier beispielsweise Fritz Grellmann – ursprünglich Prediger –, der als Flüchtling ins Erzgebirge kam und zunächst die hiesigen Prediger als „Predigergehilfe“ unterstützte. Später wurde er andernorts offiziell als Prediger eingesetzt. In den Jahren 1962 bis 1963 war man sogar in der glücklichen Lage, drei hauptamtliche Prediger zur selben Zeit zu haben.

In der Annaberger Adventgemeinde gab es immer mindestens einen Gemeindeältesten, der diesen Titel nicht aufgrund seines Alters, sondern aufgrund seiner Leitungsfunktion trug. Häufig gab es einen zweiten Ältesten als Stellvertreter, der aber meistens nur als Ersatz fungierte. Erst in jüngerer Zeit begann man damit, die Gemeindeleitung tatsächlich auf mehrere Schultern zu verteilen und Leitungsteams zu bilden.

 

Hauptpastor in Annaberg (Bezirksprediger)

• Paul Staubert 1907-1910

• Paul Rösel 1910- mind. 1911

• Werner Brink um 1912-1913

• Reinhold Däumichen während WK I

• Hermann Jaster 1919-1920/21

• Gustav Walter 1920/21-1924

• Karl Thiele 1924-1931

• Franz Brandt 1931-1932

• Bruno Neef 1932-1936

• Karl Jonuleit 1936-1951

• Kurt Köhler 1951-1952

• Horst Schaller 1952-1959

• Johannes Krautschick 1959-1967

• Dietmar Sternkopf 1967-1973

• Günter Werner 1973-1980

• Wilfried Krause 1980-1992

• Stefan Gelke 1992-1999

• Helmut Krause 1999-2008

• Michael Schramm 2008-2019

• Robert Schneider seit 2019

 

Zweiter Prediger in Annaberg (Jugendpastor o.Ä.)

• Walter Cremer 1946-1950

• Josef Kulessa 1950-1954

• Otto Hesse 1954-1956

• Horst Wagenknecht 1956-1957

• Gustav Schopf 1957-1963

• Hans-Joachim Päschel 1962-1963

• Winfried Laue 1963-1965

• Hanns Filter 1965-1969

• Peter Schammer 1969-1971

• Günther Schubert 1971-1977

• Reinhard Jurke 1977-1979

• Johannes Langer 1979-1986

• Jörg Zacharias 1986-1993

• Robert Schneider 2016-2019

 

Ältester (Gemeindeleiter)

• Emil Löser 1911-1916

• Oskar Weigel 1916-1924

• Max Böhme 1924-1926

• Emil Löser 1926-1927

• Max Böhme 1927-1929

• Rudolf Martin 1929-1931

• Kurt Pollmer 1931-1941

• Hermann Weigert 1941-1951/52

• Erich Hackenberg 1951/52-1955

• Siegfried Schneider 1955-1965

Hermann Weigert (Stellvertreter) spätestens 1960-1963

Klaus Goll (Stellvertreter) spätestens 1965

• Erich Marschner 1966-1967

Klaus Goll (Stellvertreter) 1966-1967

• Klaus Goll 1968-1988

Siegfried Schneider (Stellvertreter) spätestens 1973-1977

• Klaus Goll, Peter Schneider 1989-1993

• Peter Schneider 1993-2000

• Peter Schneider, Frank Krause 2000-2006

• Peter Schneider, Roselinde Kreher, Frank Krause, Christiane Schaller 2006-2009

• Peter Schneider, Frank Krause 2009-2015

• Peter Schneider, Enrico Bach 2015-2019

• Peter Schneider seit 2019

60 Nicht in allen der aufgezählten Orte entstand letztendlich eine offizielle Gemeinde, sondern häufig eine Gruppe von Gläubigen mit Anschluss an die nächste Adventgemeinde. In einigen Orten wurde dagegen später eine Adventgemeinde gegründet (Hilmersdorf, Wünschendorf), woran Annaberg aber keinen Anteil mehr hatte. Durch Gläubige aus Annaberg fanden jedoch einige der ersten späteren Adventisten in diesen Orten zum Glauben.

 

61 Bauchronik von Wilfried Krause, S. 46

 

62 Die Adventgemeinde Neudorf-Kretscham gehörte dann offiziell zu Annaberg, traf sich aber dennoch jahrelang weiter zu eigenen Gottesdiensten.


7. Fazit und Ausblick

In hundert Jahren kann viel passieren. Insbesondere das letzte Jahrhundert machte dies deutlich. Es ist nicht selbstverständlich, dass es uns noch gibt. Gott hat uns durch vieles hindurch getragen und geführt. Ein Grund, sich zufrieden zurückzulehnen, ist dies wohl kaum, denn die Zeit geht weiter. Ob sich in unserem Leben und in unserer Gemeinde etwas ändert, liegt nur wenig an der Umwelt – viel mehr an uns selbst. Manches hat sich in den Jahrzehnten geändert. Einiges war gut, anderes nicht. Ein Aspekt, der sich beispielsweise veränderte, war der Ort, an dem man Gemeinde lebte, und dabei geht es nicht nur um die vielen Umzüge und Raumwechsel. In den ersten Jahren traf man sich viel in den Wohnungen zum Musizieren, Bibellesen, Essen, Beten und Gemeinschaftpflegen. Man traf sich auch im Freien zum Wandern, Feiern und gemeinsamen Arbeiten. Wenn man Mission betrieb, so tat man dies in der Stadt, auf Plätzen oder in einer gemieteten Gaststätte. Was den „Alten“ aus den Vorkriegsjahren in Erinnerung blieb, waren nicht unbedingt die Gottesdienste am Sabbat, sondern die vielen Erlebnisse, welche „Gemeinde“ im Alltag ausmachten. Nach den Kriegen konzentrierte sich das Gemeindeleben mehr und mehr auf den Gottesdienstsaal. Zu Höhepunkten des Jahres wurden zunehmend die Festgottesdienste. Bei Evangelisationen lud man zumeist in den eigenen Saal ein. In der Anfangszeit wurden außerdem zahlreiche neue Gemeinden gegründet – nach dem Krieg fast keine mehr. Andere Entwicklungen verliefen sehr positiv. In den 80er- und 90er-Jahren lernte die Gemeinde punktuell neu, ihren Platz in der Gesellschaft einzunehmen, und suchte nach Möglichkeiten, ein Segen für die Stadt und die Nachbarschaft zu werden. Ein Stück Sicherheit wurde aufgegeben und man wagte sich in neue Bereiche vorzudringen.

Offensichtlich blieb die Gemeinde von der Gesellschaft nie ganz unberührt. Manchmal, wie in der Wendezeit, war dies von Vorteil – in anderen Phasen hätte man es sich anders gewünscht. Die Adventgemeinde Annaberg erlebte im Verlauf der Jahre einigen Druck von außen – die sozialen, wirtschaftlichen und existenzbedrohenden Probleme, die durch die Kriege ausgelöst wurden; die ideologischen und politischen Strömungen der verschiedenen Zeiten, welche viele in Glaubens- und Gewissensnot brachten; die gesetzlichen Bestimmungen, die das Alltags- und Gemeindeleben erschwerten; das Sektenimage der Gemeinde und der daraus resultierende gesellschaftliche Stand sowie die Anfeindungen mancher Nachbarn, Vermieter und Arbeitskollegen. All das war herausfordernd und für viele schwierig, aber es konnte durch Zusammenhalt, Überzeugung und Gottvertrauen durchgestanden werden. Viel tiefgreifender, verletzender und dauerhafter waren die Schwierigkeiten, die intern bestanden. Da, wo Menschen in der Gemeinde Streit miteinander hatten, wo jemand etwas von anderen forderte, was er selbst nicht geben konnte, wo Beziehungen zerbrachen und Misstrauen und Ablehnung untereinander wuchsen, wurde automatisch auch die Beziehung zu Gott untergraben und die Gemeinde verlor an Kraft und Ausrichtung. Da, wo die Gemeinde und jeder Einzelne Jesus – das Oberhaupt der Gemeinde – zugunsten menschlicher Befindlichkeiten und Vorstellungen aus den Augen verlor, ließ die Führung und Erneuerung des Heiligen Geistes nach und man fing an, aus menschlicher Gesinnung und Kraft zu leben. Keine Generation blieb davon verschont. In jedem Jahrzehnt sahen die Herausforderungen anders aus. Immer wieder gilt es daher, sich auf den auszurichten, um den es wirklich geht. Jeder muss von neuem lernen, was Liebe wirklich bedeutet und wie Gemeinde vom Schöpfer gedacht ist. Es gab in der Geschichte der Adventgemeinde Annaberg Wachstum und Rückgang, Begeisterung und Enttäuschung, aber eines steht fest: Wenn wir Gemeinde Jesu im eigentlichen Sinne sind, wenn wir nach dem Ausschau halten, „was oben ist, wo Christus ist“ (Kol 3,1), und wenn wir das Beste für die Menschen unserer Stadt suchen (Jer 29,7), wird sich Gott zu uns stellen und uns auf unserem weiteren Weg segnen. Es geht um mehr, als weitere hundert Jahre zu bestehen – es geht um die Gegenwart Gottes unter uns und das Wachstum seines Reiches. „Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung Gottes in Jesus Christus.“ (Phil 3,13b-14).


Literaturverzeichnis und Quellen

Als Quellen für diese Chronik dienten insbesondere die Aufzeichnungen und Archivalien verschiedener Gemeindeschreiber, Gemeindeleiter und Pastoren, welche hier nicht im Einzelnen aufgeführt sind. Außerdem enthielt das „Historische Archiv der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Europa“ einiges Material, so zum Beispiel Artikel der Zeitschriften Zions-Wächter, Der Adventbote, Adventecho und Adventgemeinde. Ferner konnten Zeitzeugen der meisten vergangenen Jahrzehnte unserer Gemeindegeschichte befragt werden. Weitere Literatur ist in folgender Auflistung enthalten:

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